von windygirl » 18.08.2006, 15:31
Bericht AIDA
Donnerstag, 17. August 2006; 20.00
Theater des Westens
Parkett Links Reihe 8, Platz 13
Verriss zu AIDA in Berlin gefällig? Hier kommt er… Nein, schlechter Scherz beiseite. Ich bin natürlich kein mieser Kritiker, der an allem und jedem herumnörgelt. Im Gegenteil, ich lasse mich sehr gerne begeistern. Das hat AIDA trotz versammelter First Cast jedoch nicht bewirkt.
Verzeiht, wenn mein Ton leicht zynisch werden sollte, aber eine derartige Show hat eine solche Wirkung auf mich. AIDA in Berlin kann bestenfalls als durchwachsen bezeichnet werden.
Womit fange ich an? Etwas Gutes, etwas Schlechtes? Gut, gehen wir chronologisch vor.
Wenn man sich in den Zuschauerraum setzt, sieht man zunächst den dunkelblauen Vorhang mit einem weißen Horus-Auge darauf. Hübsche Sache, wäre da nicht die leicht irritierende Tatsache, dass im Augapfel dieses Auges eine stilisierte Darstellung der Erde (ebenfalls weiß wie der Rest) zu sehen ist. Die kreativen Köpfe unter uns würden jetzt vielleicht behaupten, dass dies symbolisieren soll, dass das Thema – eine grundsolide und klassische Dreiecksbeziehung – noch heute auf der ganzen Welt aktuell ist. Ich persönlich möchte davon Abstand nehmen und es wie der Durchschnittszuschauer bewerten – soweit er es überhaupt wahrnehmen würde. Es wirkt einfach seltsam und unpassend.
Als nächstes kommt die Ouvertüre und somit die Orchestrierung.
Da muss ich zunächst einmal anführen, dass mein Platz für den Ton alles andere als günstig war – neben Reihe 7 und 8 befindet sich (schätzungsweise auf beiden Seiten) ein großer Lautsprecher, der am Ende der Show für ein leichtes Pfeifen in den Ohren gesorgt hat. Dadurch kann ich nicht genau beurteilen, ob die Orchestrierung wirklich etwas blechern (im Sinne von „nicht volltönend“) klang, oder dieser Eindruck nur durch die Nähe zum Lautsprecher entstand.
AIDA ist eine Tourproduktion und muss somit mit einem minimalistischen Bühnenbild auskommen. Eine durchaus verständliche Tatsache, doch ein wenig mehr hätte nicht schaden können… Zudem hat es öfter gewackelt, wenn Kulissenteile (besonders das „Sandgrab“ und die Palmensilhouette für den Hintergrund) hereingefahren bzw. heruntergelassen wurden. Etwas, dass ich aus dem TdW bisher nicht gewohnt war. Aber das lasse ich noch durchgehen, da man mit opulenten Kulissenteilen schlecht von einem Spielort zum nächsten ziehen kann.
Bevor ich letztendlich zur Besetzung komme, muss ich noch etwas zur Übersetzung und zur Choreografie bzw. den Tänzern sagen. Sosehr ich Michael Kunze als Librettist und Übersetzer von Stücken auch schätze, hier hat er wahrlich keine Glanzleistung abgeliefert. Ich bevorzuge nach wie vor die englischen Originaltexte von Tim Rice.
Und jetzt kommt endlich mal etwas Erfreuliches – jedoch mit bitterem Beigeschmack. Die Choreografie war wirklich schön! Besonders haben mir die Minister gefallen. Doch so schön eine Choreografie auch ist, sie muss auch gut ausgeführt werden. Leider hat dieses Ensemble das nicht geboten. Jeder für sich waren sie gut (zB. Manteltanz ect.), doch sobald Synchronität verlangt wäre, sah man die Mängel. Sie haben es einfach nicht geschafft. Gut, natürlich gab es auch Stellen bei denen sie wunderbar synchron waren, aber die waren alles andere als die Regel. Zudem hatten viele Tänzer oft einen recht verkniffenen Ausdruck, der über eventuell zu spielende Rollen hinausging.
Besonders möchte ich zwei Tänzer hervorheben. Zum einen die Solotänzerin, als der Pharao zum ersten Mal erscheint. Da die Damen jedoch allesamt über wenig markante Gesichter verfügten, kann ich ihren Namen nur raten. Ich tippe auf Samantha Klots, weiß es jedoch nicht. In jedem Fall hatte sie eine schöne Ausstrahlung und konnte sich (zumindest solistisch) auch sehr gut bewegen.
Der zweite ist Alexander Bellinkx (Ensemble, Cover Zoser und Pharao, Fight Captain). Der Mann hat eine wirklich bemerkenswerte Ausstrahlung, die meinen Blick oft auf ihn gelenkt hat. Die beste Ausstrahlung und die schönsten Bewegungen nutzen jedoch nichts, wenn sie nicht im korrekten Counting ausgeführt werden. Ich hoffe für ihn, dass er nur einen schlechten Tag hatte und es normalerweise besser kann.
In Ordnung. Genug am Drumherum rumgemeckert. Kommen wir jetzt zu den Hauptakteuren des Abends. Ich habe gute und schlechte Leistungen gesehen.
Ana Milva Gomes – Aida
Mich hatte sie bei BoM 06 schon begeistert und größtenteils hat sie ihre guten Leistungen bestätigt. Nach wie vor finde ich ihre Mimik außergewöhnlich und faszinierend, doch gesanglich war sie nicht den ganzen Abend auf einem Niveau. Sie hatte gute und schlechte Passagen. Zu den guten gehörte auf jeden Fall „So einfach, so schwer“.
Bernhard Forcher – Radames
Verzeiht mir, aber wen hat dieser Mann bestochen, um an eine Hauptrolle zu kommen? Hier war nichts da! Keine Stimme, keine Ausstrahlung, kein Schauspiel, keine Liebe, keine Leidenschaft. Der einzige Vorzug, den ich irgendwie erkennen konnte, war ein recht durchtrainierter Körper. Forcher hat jede Szene, in der er zu sehen war, zunichte gemacht! Jedes Duett von Aida und Radames ging wegen ihm vor die Hunde. (Umso tragischer, falls meine Mutter Recht hat und die beiden tatsächlich ein Paar sind. Dann sollte so etwas anders aussehen. Gut, vielleicht hatten sie sich grade gestritten, aber das DARF keinen Einfluss auf die Bühnendarstellung haben!) Und dass man in dieser Rolle keineswegs so blass und farblos bleiben muss beweist besonders Adam Pascal auf dem OBC Recording. Ich für meinen Teil habe mir mehr als sehnlich Patrick Stahnke gewünscht, der bei BoM eine großartige Leistung in dieser Rolle geliefert hatte.
Bettina Mönch – Amneris
Am Anfang war ich schwer enttäuscht, als „Jede Geschichte handelt von der Liebe“ ausdruckslos und schwach kam. Sie schien mir während des ganzen ersten Aktes eher Schauspielerin als Sängerin (bei ihrem Wutanfall gegen Radames hat sie den gebührenden Zwischenapplaus erhalten!), doch im zweiten Teil wurde sie besser. Am Anfang hat sie die Amneris sehr schrill und unangenehm angelegt, kaum irgendeine Sympathie erweckend. Nun, vielleicht wollte sie genau diese Wirkung erzielen, doch mich hat sie damit einfach nur genervt. Sobald sie die verletzlichen Seiten der Rolle jedoch herausgehoben hat, ist sie zu einem der besten Akteure dieses Abends geworden!
Kristian Korsholm Vetter – Zoser
Ah! Mein persönliches Highlight! Natürlich ist Zoser schon von der Anlage eine unglaubliche Figur, die einfach rockt, aber Kristian Vetter hat aus der Rolle alles herausgeholt. Seine sehr eigenwillige Stimme hat wundervoll zu den Songs gepasst, die mir ohnehin die liebsten sind. Sein Spiel war kraftvoll und gemein, so wie es sein muss. Wirklich grandios!
Marlon David Henry – Mereb
Die einzige Hauptrolle mit Akzent, doch eigentümlicher Weise hat es mich ganz und gar nicht gestört. Marlon war einfach witzig und hat schön gespielt, wenn auch der Gesangsteil unter dem Akzent gelitten hat. Zudem hat er auch noch gut getanzt, zumindest in den wenigen Szenen wo er musste. Ein großes Lob von mir.
Daniel White – Amonasro
Bei ihm habe ich bedauert, dass seine Rolle nur so winzig ist, denn er hatte das gewisse Etwas, das ich so nicht genauer bestimmen konnte.
Lutz Ulrich Flöth – Pharao
Gut, was soll ich sagen? Er stand ja kaum auf der Bühne… Ich habe mir jedenfalls keine Meinung bilden können.
Und hier noch eine wahre Perle, die bei der Besetzung beinahe völlig vernachlässigt wird:
Zodwa K. M. Selele – Nehebka
Eine wunderschöne Stimme, die ich zu gerne einmal als Aida hören würde. Allerdings nicht so gerne, dass ich mir AIDA noch einmal ansehen würde, dafür war die ganze Show nicht gut genug.
Insgesamt möchte ich sagen, dass das ganze Musical natürlich sehr Elton John war und mir doch einen Tick zu bunt und zu Disney. Trotzdem schätze ich, dass mein Bericht etwas zu hart klingen könnte. Es war nicht schlecht. Es war nett. Aber es war eben nicht gut.