London: Day Two
Aufwachen, aufstehen, aus dem Fenster sehen und – kein Regen, sondern ein sehr schöner Tag, der sogar ein wenig blauen Himmel zu bieten hatte. Der zweite Tag entwickelte sich also zu einem richtigen „Touri-Tag“ für uns. Erst mal ging’s in Richtung Westminster und später an der Themse entlang zum Tower.
Bericht: Avenue Q (bitte entschuldigt die teilweise obszöne Ausdrucksart. Man kann Avenue Q aber nicht anders beschreiben xD )
Das zweite Musical erwies sich als mindestens (!) ebenso lustig und unterhaltsam wie Spamalot am Abend zuvor. Der Broadway-Import zeigt jedoch einen intelligenteren Humor und wirkt nicht ganz so oberflächig. Avenue Q hat auch sehr einfühlsame Seiten, die es auch musikalisch sehr gefühlvoll präsentiert. Nun mag sich aber doch jemand fragen: Was ist Avenue Q ? Nun, ich denke es gibt bisher nichts vergleichbares. Avenue Q ist Avenue Q. Es handelt von bestimmten Lebensabschnitten der Menschen und Monstern in der relativ heruntergekommen Gegend. Noch mag sich das alles langweilig anhören, doch sobald man sich ein wenig auf die Charaktere einlässt, fühlt man mit jedem mit und ist begeistert seine Geschichte zu teilen. Princeton hat zum Beispiel gerade sein College abgeschlossen und sucht nun nach einer Wohnung in NYC. Kate Monster verliebt sich in Princeton, Lucy the slot steht jedoch zwischen der Beziehung. Der Broadway-Fanatiker Rod teilt eine Wohnung mit dem ärmlichen Nicky, der Rod immer und immer wieder zu fragen beginnt, ob er schwul sei. Rod will es aber auf keinen Fall zu geben. Christmas Eve, die Japanerin, die im Chinese Restaurant auf Grund ihrer Herkunft keine Arbeit bekommt, heiratet den arbeitslosen, faulen Brian. Man entwickelt einfach für jeden Charakter Sympathie – selbst für das Internet-Porno-geile Trekkie Monster.
Ich denke die Musik, die von einer ca. 6-köpfigen Band live gespielt wird, kann man durchaus als abwechslungsreiche Theatermusik bezeichnen, bei der man viel Spaß haben kann. Die Lyrics sind ausgetüftelt und klug bis ins Detail. Jeder Reim grenzt bald an Genialität, das man so etwas selten zuvor erlebt hat. Vor allem der Song „Schadenfreude“ macht einem Deutschen unheimlichen Spaß, schon allein wegen der Definition dieses Wortes (das es ja im Englischen gar nicht gibt).
Um den Bericht nun einfach mal einfacher zu strukturieren mach ich jetzt die Schritt für Schritt Song-Methode:
It sucks to be me: Ein perfekter Eröffnungssong, der wunderschön die Einstellung der Menschen und Monster der Avenue Q wiedergibt: Das Leben ist beschissen, aber trotzdem irgendwie schön, da ja alle gemeinsam dieses scheiß Leben teilen. Sofort wird auch die Situation und die Verhältnisse zwischen den Charakteren schön dargestellt. Alle einigen sich darauf, dass Gary Coleman, der früher das absolute Wunderkind mit einem Vermögen war, die größte A-Karte gezogen hat. Das Ensemble hat wunderbar zusammengespielt.
If you were gay: Rod, hervorragend dargestellt von Jon Robyns, genießt die Zeit alleine – ohne seinen Mitbewohner Nicky. Nicky platzt jedoch unerwartet wieder in den Raum und gesteht Rod, dass es für ihn kein Problem wäre, wenn er schwul wäre („If you were gay, that’d be okay. I mean ‘cos hey: I like you anyway!). Ein beispielhafter Song für die genial-humorvollen Lyrics von Robert Lopez und Jeff Marx.
Purpose: Princeton, der grade seinen Job verloren hat, sucht nach seiner Bestimmung. Unterstützt von lustigen Video-Projektionen wird die Performance von Jon Robyns mitreißend und extrem komisch (was aber auch den singenden Kartons zu verdanken ist...).
Everyone’s a little bit racist: So gesellschaftskritisch der Song auch klingen mag, er beweist, dass es stimmt (lach). Wieder einmal glänzt der Song nicht gerade durch tolle Musik, sondern eher durch Sparwitze (die natürlich auch rassistische Hintergründe haben) und ein geniales Zusammenspiel der Akteure.
The internet is for porn: Sozusagen der erste Brüller-Song im wahrsten Sinne des Wortes. Das Publikum hat getobt als Trekkie Monster, hervorragend bewegt und gesungen von Simon Lipkin, seine obszönen „Zwischenbrüller“ nicht unterlassen konnte. Nun, auch hier mögen Lyrics vielleicht ordinär erscheinen, so sind sie jedoch bei genauerem Hinsehen wirklich in jeder Zeile genial.
Mix Tape: Der erste einfühlsamere Song, indem sich die Beziehung von Kate Monster und Princeton entwickelt. Wie sich hier schon herausstellt, entwickelte sich Julie Atherton zum heimlichen Star des Abends.
I’m not wearing underwear today: *no comment*
Special / You can be as loud as the hell you want: Bei “Special” wird gleich zu Beginn die stimmliche und darstellerische Wandlungskunst von Atherton klar. Sie präsentiert Lucy the slut mindestens genau so überzeugend wie Kate Monster. Lucy macht an dieser Stelle zum ersten mal mit Princeton rum und somit Kate Monster neidisch. Trekkie Monster geht nach Lucy’s Performance als erster nach Hause, um die momentan noch so aktuelle - Performance von Lucy „zu verarbeiten“. Zuletzt bleiben nur noch Princeton und Kate in der Bar übrig. Da Kate am nächsten morgen zum ersten Mal ihre Schulklasse alleine unterrichten darf, will sie definitiv nichts drinken. Gut, dass also die Bad Idea Bears kommen um sich doch auf ein Gläschen bzw. gar auf ein Trinkspiel mit Princeton einzulassen. Was dann auf der Avenue Q passiert, will ich an dieser Stelle nicht weiter erwähnen... (aber wieder mal wird bewiesen: Theater kennt keine Grenzen)
Fantasies come true: Die erste richtig schöne (und mal wieder zum xxx komische) Szene, untermalt von einer tollen Melodie. Rod träumt von Nicky, der ihm endlich seine Liebe zum ihm gesteht. Es entsteht eine wunderschöne Traumszene der beiden (lol). Außerdem gesteht Princeton Kate Monster, wie viel er für sie fühle. Rod und Kate Monster singen gemeinsam im Glück, doch als Rod aufwacht und Nicky seinen Traum mitbekam („You were talking in your sleep“) fühlt sich Nicky bestätigt. Er erzählt am nächsten Tag der ganzen Avenue von Rod’s - Orientierung...
My girlfriend who lives in Canada: Rod will alle eindrücklichst davon überzeugen, dass er nicht schwul ist, sondern eine Freundin in Kanada hat. Währenddessen bekommt Princeton Angst sich auf eine feste Beziehung mit Kate einzugehen. Da er bevor er sein Lebensziel nicht gefunden hat auf keine feste Beziehung eingehen will macht er Schluß mit Kate:
There’s a fine, fine line: Der erste richtig wunderschöne Song des Abends, grandios performt von Atherton, die emotional und gesanglich alles aus der Szene rausholt. Jeder im Theater fühlt wohl die Trauer von Kate Monster mit und litt mit er jede einzelne Sekunde.
There is life outside your appartment: Princeton verbarrikadiert sich wochenlang in seiner Wohnung und ist mit seinem Leben am Ende. Er hat seinen neuen Job verloren, seine Kontos geplündert, ist mit der Miete im Rückstand und hat immer noch nicht seine Berufung gefunden. Dank Brian und den anderen Freunden kommt er jedoch wieder raus aus seiner Wohnung und geht von nun an mit Lucy.
The more you ruv someone: Christmas Eve macht Kate klar, dass je mehr man jemanden liebt, desto mehr man diese Person auch gleichzeitig hasst. Sie tröstet Kate Monster und macht ihr wieder ein bisschen mehr Mut für die Beziehung mit Princeton.
Währenddessen erzählt Nicky erneut, dass er schon immer wusste, dass Rod schwul sei. Rod kommt hinzu und ist stinksauer auf Nicky. Er wirft ihn aus der Wohnung und lässt Nicky von nun an auf der Straße Leben.
Schadenfreude: Nicky lebt verzweifelt auf der Straße und fragt Gary, ob er nicht eine Schlafgelegenheit für ihn hätte. Gary jedoch weist ihn lächelnd ab und genießt, dass auch mal jemand anders scheiße dran ist. Mit dem Wort „Schadenfreude“, das die Deutschen sozusagen charakterisiert (jede Sekunde des Songs war ein Genuss), erklärt er Nicky sein momentanes Empfinden für ihn. Ein genialer, mitreißender Song, der für Lacher beim ganzen Publikum sorgt. Giles Terera zeigt nun auch zum ersten Mal richtig, was er stimmlich und darstellerisch drauf hat.
I wish I could go back to college: Kate ist auf dem Empire State Building, wo sie sich eigentlich mit Princeton verabreden wollte (Princeton erhielt die Nachricht wegen Lucy jedoch nicht). In der Verzweiflung wirft Kate den Penny, den sie von Princeton bekam 400 Meter abwärts auf die Straße, wo gerade Lucy und Princeton spazieren. Die Münze trifft genau Lucy’s Kopf – sie muss sofort ins Krankenhaus. Kate Monster trifft Princeton im Krankenhaus. Sie (inkl. Nicky) wünschen sich wieder zurück in das einfache College-Leben, wo alles seine Ordnung hatte. Lucy liegt währenddessen bewusstlos mit einer sehr interessanten EKG-Welle auf einer Trage.
The money song: Dank Nicky kommt Princeton auf die Idee Geld für Kate’s Monster Sc hool zu sammeln. Alle helfen bei der Sammlung. Sogar das Publikum soll spenden. Allerdings kommt nicht viel zusammen. Der letzte der noch etwas Geld haben könnte ist Trekkie, der allerdings wieder sehr beschäftigt ist...
School for Monsters: Als Trekkie jedoch erfährt, dass sie das Geld für eine Monsterschule sammeln entscheidet er sich 10 Millionen$ zu spenden. Schließlich ist das einzig stabile auf dem Markt das Porno-Geschäft, wodurch er einen Haufen Geld verdiente.
There’s a fine, fine line Reprise: Sie eröffnen die Schule und zeigen sie Kate, die sichtlich erstaunt von ihrem Geschenk ist. Christmas Eve erzählt ihr, wer das für sie getan hat: Princeton. Princeton verspricht Kate zu helfen.
For now: Nun – Princeton hat immer noch nicht seine Lebenszweck gefunden, doch zu Ende stellen sie fest, dass alles im Leben nur „for now“ ist und dass man jeden Augenblick des Lebens genießen sollte. Auch wenn man mal ein bisschen unzufrieden mit Dingen im Leben ist (George W. Bush ist schließlich auch nur „for now“)
Aus dem Theater geht man aber keinesfalls unzufrieden. Trotz einer sehr simplen Produktion, ist Avenue Q ein wunderschönes, extrem lustiges Musical, das man gesehen haben muss. Man entwickelt so viele Sympathien für das Stück und kann sich sicher auch mit dem Stück identifizieren (wobei es sehr traurig wäre, wenn man sich zB mit Trekkie Monster identifizieren würde...) . Ein absolut sehenswertes Musical !

