Aber zu Dracula:
Frank Wildhorn ist ja durchaus dafür bekannt seine Stücke auf die Bühne zu bringen, noch bevor sie wirklich fertig sind. So verschmerzt er auch einen Broadway-Flop mit der Bemerkung "Ich schreibe für die (internationale) Bühne, nicht für den Broadway", um danach mit der Feinarbeit an einem solcehn Stück zu beginnen.
Eine este Evolutionsstufe war dann auf Deutsch in St. Gallen zu sehen. Tatsächlich bin ich damals mit ein paar Freunden auch da gewesen.
Das Musical wurde hier mit recht großem Orchester im relativ kleinen Theater in beachtlicher Qualität auf die Bühne gebracht worden. Man konnte damals lesen, daß die Zeit zur bearbeitung leider nur für den ersten Akt wirklich gereicht hätte und der zweite noch nicht so sei, wie er sein solle.
Dieses Problem sollte nun für Graz behoben sein, was mich gestern
morgen sehr gespannt in den Flieger steigen ließ.
Tatsächlich ist die Neubearbeitung des "Dracula" recht weitreichend. Es gibt nicht nur etliche neue Stücke, auch erklingt die Partitur in einem neuen Arrangement mit neuer Orchestrierung von Wildhorn-Spann-Mann Koen Schoots, der auch wieder die muikalische Leitung inne hatte. Beide, Komponist und Orchestrator, haben dem Werk allerdings nicht unbedingt überall einen Gefallen getan. Die Klangsprache ist ganz im Gegensatz zur St. Gallener Aufführung sehr rockig geraten. Das schreibe ich jetzt mal nicht dme Komponisten zu. Schlagzeug, E-Gitarre und Bass sind für Wildhorn-Verhältnisse überdeutlich vorhanden. Das ist nicht schlecht, rückt das Musical aber zu deutlich zum "Tanz der Vampire". Überhaupt hat mand en Eindruck, daß doch recht oft, wenn mal ein Übergang oder ein schneller Stimmungswechsel benötigt wird, "mal eben" woanders geliehen wird. Auch Anklänge an "Elisabeth" oder gar "Phantom der Oper" sind da schonmal auszumachen.
Viele Szenen, die schon früher stark waren, sind auch in Graz klasse. Der absolute Glanzpunkt der Partitur ist anch wie vor das Bahnhofs-Terzett zwischen Dracula, Minna und Jonnathan Harker, das zu recht tosenden Applaus nach sich zog. Da konnte es einem schonmal kalt den Rücken runterlaufen.
Auch sehr ergreifend das verzweifelte Solo von Harker, der seiner Mina verspricht sie zu töten, wenn sie sich verwandeln würde. Dieses wurde nun auch an eine stimmigerer Stelle gerückt, hatte man früher doch den Eindruck eines dramatisch völlig unnötigen Songs, den man der noch nicht gespielten aber nötigen Herzschmerz-Ballade wegen eingefügt hat. "Whitby Bay" ist sowieso ein Höhepunkt und mit der kraftstrotzenden Lyn Liechty und dem glänzend disponierten Jesper Tyden ein echter Ohrenschmaus.
Um so erstaunlicher, daß die Ohrwurm-Nummer "Live after live"/"Ein leben mehr" so verhunzt wurde: Das neue Arrangement nimmt ihr jede Dramatik und macht aus ihr eine Rock-Funk-Nummer, die der Situation absolut nicht gerecht wird. Der Fluß fehlt, da Breaks eingefügt wurden, Bläser-Riffs schmettern da rein, wo Swing nun wirklich nciht hinpaßt, und Thomas Borchert kann versuchen, dennoch die Rolle zu füllen. Da sehnt man sich doch zurück ins St. Gallener Stadtheater, wo Borchert mit dramatsichen, fast heldenbaritonalen Ausbrüchen Lucy zum zweiten Leben erweckte. Hier ist Koen Schoots (zu) weit über das Ziel hinasugeschossen. Ähnliches gilt leider für "Blood"/"Blut", das auch zugunsten des "Swings" "entdramatisiert" wurde. Schade.
Die neu eingefügten Stücke entschädigen für diese Änderungen auch nciht unbedingt. Es gibt eine (Klein)Ensemblenummer von van Helsing und seinen Mitstreitern, die sich vor dem Aufbruch ins Schloß des Grafen nochmal verschwörerisch Mut zusingen - das hat man aber mit gleicher Intention weit mitreißender in "Scarlet Pimpernel" gehört ("Mitten in Feuer"), zumal es hier wieder ums Feuer geht.
Auf der anderen Seite gerieten etwas die Tötung des Lucy-Vampirs und die Doppelhochzeit, ebenfalls als Ensambles, sehr dicht.
Die Rolle des van Helsing wurde etwas erweitert. Er darf nun ein rühriges rückblickendes Lied über seine von Dracula getötete Liebe "Rosanne" singen. (Das sind die Momente, die einem Uwe Kröger liegen). Das mit Spannung erwartete Duett zwischen Dracula und van Helsing bleibt etwas blaß. Es ist eine recht einfache, wenn auch handwerklich gut gemachte Rock-Passage, die in ihrer musikalsichen Aussage aber dünn bleibt. Es kracht zwar an allen Ecken und Enden des Orchestergrabens, es bleibt aber nichts hängen. (Ich habe mir leider nichtmal den Refrain als Satz gemerkt, geschweige denn die Melodie). Überhaupt hat man den Eindruck, daß nicht weiterenwickelt, sondern mehr hier und da geflickt wurde.
Die dramatsichen Schwachpunkte des Plots sind nach wie vor nicht verbessert worden. Ein Beispiel ist die Szene ind er Lucy ihren zukünftigen Ehemann aussucht. Gedacht als witziges Intermezzo nach der überaus düsteren Eröffnung des Stückes im Schloß Draculas paßt diese Sonntag-Nachmittad-Idylle im englischen Garten einfach nicht in die erzeugte Stimmung. Die Beziehung Draculas zu Mina und die ihre zu Harker sind auch nach wie vor nicht stimmig. Hier ist allerdings auch die Regie gefragt. Hier wird völlig versäumt, eine Entwicklung Draculas zu zeigen, von einem durch und durch bösen Blutsauger, zu einem durch Liebe "geschwächten" des Vampirlebens Überdrüssigem. Das wird in einem einzigen Song behandelt (der auch wieder deutliche Parallelen zur "unstillbaren Gier" zeigt, die schon im Tanz der Vampire nicht wirklich Sinn macht). Der plötzliche Wunsch Draculas zu sterben kommt dann in den letzten zwei Minuten des opernhaften Finales auf und wird konsequent durchgezogen. Darula ist tot; Schlußakkord. Dabei bliebe noch so einiges zu klären: Wie steht jetzt Harker zu seiner(?) Mina?
Die beziehung sollte völlig zerstört sein und wäre für den Zuschauer nach ihrer innigen Einführung hoch interesant.
Gibt es die lustigen Mitstreiter eigentlich noch?
Regie und Bühne haben sich um viele Effekte bemüht. Atmosphere-Samples wie Wolfsgeheul, eingflogener Fensterscheiben-Klirr und der mit Stroboskopen äußerst stimmunsgvoll unterstützte Gewitterdonner sind immer wieder präsent. Die Bühen selbst ist in mehrere hintereinander liegende Spielflächen geteilt, die mal Schloß, mal Wohnzimmer, Friedhof, etc sind. Das alles ist sehr stimmunsgvoll beleuchtet und von den Schauspielern/Sängern mit Leben gefüllt. Diese bemühen sich sehr um ein gutes Schauspiel und das nimmt man ihnen bis auf 1.5 Ausnahmen auch wirklich ab. Diese beiden Ausnamhen sind dann leider aber auch die Topstars:
Thomas Borchert verläßt sich viel zu sehr auf seine sprichwörtliche Bühnenpräsenz. Eigentlich schreitet er (bis auf die wirklich toll gespielte Eröffnungsszene) nur langsam durch die Szenerie und singt. Würden ihm die Arrangements nicht den dramatischen Boden unter den Füßen wegziehen, würde dieses Konzept auch aufgehen. So bleibt ein zumindest zwiespältiger Eindruck. Uwe Kröger liegen die dramatischen Rollen einfach nicht. Bei ihm schrammt das gut gemeinte Schauspiel schon hart and er Grenze zum Over-Acting vorbei. Noch dazu hat er an einigen Stellen Schwierigkleiten mit der Intonation. Das tritt natürlich ausgerechnet im neu eingefügten Duett van Helsings mit Dracula zu Tage, wo er sich von Borchert (sie singen hintereinander die gleiche Phrase!) wirklich an die Wand singen lassen muß (wenigstens war das gestern abend so). Thomas Borchert selbst singt nach wie vor klasse, kann sein Potential aus schon genannten Gründen aber nicht voll auspielen. Alle anderen zeigen eine gut ausgearbeitet Schauspielkunst bis ins Kleinste und wirklich tollen Gesang!
Klangschön und hochprofessionell. Hier arbeiten auch Ensembel und Regie toll zusammen - selbst wenn die es hin und wieder geschmacklos will. Ob das Aussaugen eines Babys durch drei Vampirinnen wirklich so blutig zelebriert und das arme Kind dann noch zerrissen werden muß um zu zeigen, daß Vampire böse sind, ist fragwürdig. Die mit Schreien untermalte Pfählung des Lucy-Vampirs findet für den Zuschauer unsichtbar statt, doch kommt ihr Ehemann dann nach vorne und hat ihren abgetrennten Kopf in der Hand.... Naja, auch hier sage ich mal, "über das ziel hinaus geschossen".
Der Sound des ganzen war für eine Festivalveranstaltung erstaunlich gut. Mikrophonpannen gab es nicht (bis euf einen minimal zu spät geöffneten Kanal). Die Musiker im Orchetsrgraben spielten sehr sicher und engagiert. Mit 10 Streichern, drei Bläsern, Bass, Gitarre, Schlagzeug, Pauken udn zwei voll computerisierten Keyboardern war das Orchester kleiner als das in St. Gallen, konnte mit seiner Leistung aber voll überzeugen. Vermutlich ist die Besetzung an den Graben in Graz angepaßt worden, denn vom Spielfluß her, wünschte amn sichd ann doch an der einen oder anderen Stelle noch ein paar Mann mehr. Ärgerlich war einzig der schwache Schlagzeugsound. Die Drums klangen wir bei einem Mittelklasse-Schulorchester und das trotz äußerst aufwendiger Beschallungstechnik (riesiges Yamaha-Digital-Pult, 2x10 geflogene Hoch/Mittelton-Einheiten plus 2x4 Subwoofer). Hier sollten die verantwortlichen mal überlegen im Sinne des weit besseren Hörerlebnisses bei einer für einen Drummer nicht soooo anspruchsvollen Partie dann doch auf E-drums umzusteigen (auch wenn ich jetzt die von allen Schlagzeugern dieser Welt signierten Steine schon auf mich zufliegen höre
Fazit: Der Musicalbesuch war in jedem Fall eindrucksvoll. Wäre diese Veranstaltung in 1-2 Zugstunden Entfermung in Deutschland gewesen, hätte ich micht über einen guten Stadttheater-Musical-Abend gefreut. Bei 69,- Eintritt plus Flug und Hotel muß ich mit meiner Kritik dann aber doch schärfer werden
Gruß
Wotan

