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Elisabeth in Berlin

Berichte über Eindrücke, Pannen etc.

Elisabeth in Berlin

Beitragvon windygirl » 20.05.2008, 17:32

Bericht Elisabeth
Donnerstag, 15. Mai 2008; 19.30
Theater des Westens, Berlin
Parkett Links, Reihe 20, Sitz 15

Elisabeth in Berlin, ein Traum wird wahr. Das Theater des Westens erschien mir schon immer als der ideale Ort für das Stück um die schöne Kaiserin. Alt, ehrwürdig und edel, wenn auch mit einer etwas kleinen Bühne. Nun war es also so weit, die Kaiserin hatte Einzug in die Hauptstadt gehalten und ich würde ihr nun meine Aufwartung machen…

[ (Erläuterung der Handlung)

Worum geht es eigentlich? Um Sissi? Ja, und nein. Es geht um die historische Persönlichkeit, die gemeinhin „Sissi“ genannt wird. Allerdings wird ihr Spitzname hier nur mit einem „s“ geschrieben – ein kleines Detail auf das die Fans viel Wert legen, da es die verkitschte Figur der Sissi, die Romy Schneider durchaus mit einigem Charme portraitierte, von der Sisi im Musical trennt.
Rahmenhandlung für das Bühnenstück ist die nächtliche Welt der Toten und Träumer, wo der Zuschauer Luigi Lucheni kennen lernt, den Mann, der Elisabeth ermordete. Ein unsichtbarer Richter verhört ihn bereits seit hundert Jahren und ist auf der Suche nach seinem Tatmotiv. Schließlich gibt Lucheni seinen Hintermann preis – den Tod. Der Tod erinnert sich wehmütig an seine Elisabeth, in die er sich – Unmöglichkeit sondergleichen – tatsächliche verliebt hatte. Als Zeugen für diese Geschichte ruft Lucheni Elisabeths Zeitgenossen auf – der Wiener Hof ersteht vor unseren Augen neu. Lucheni ist unser Führer durch das bewegte Leben Sisis.
Selbstverständlich war Elisabeth nicht immer Kaiserin – wir erleben sie zunächst als junges Ding, das gerne tobt, singt, reitet und dichtet. Von kaiserlicher Würde findet sich keine Spur als sie bei einem Seilkunststück stürzt und schwer verwundet wird. Ihr erstes Rendezvous mit dem Tod – der Beginn dieser tragischen Liebesgeschichte. Ganz anders als Sisi ist da ihre Schwester Helene, die von der Mutter von klein auf „zur Kaiserin dressiert“ wurde – sie soll nach Wunsch ihrer Mutter und der Erzherzogin Sophie ihren Cousin Kaiser Franz Joseph heiraten. Es überrascht wenig, dass die Heirat nicht zustande kommt, sondern sich der junge Kaiser in unsere bezaubernde Elisabeth verliebt, obwohl diese erst 15 Jahre alt ist. Die beiden schwören sich ewige Treue, doch der Tod hat andere Pläne. Bei der Märchenhochzeit schwört er Elisabeth, das „Der Letzte Tanz“ nur ihm allein gehört.
Das Leben am Wiener Hof ist für freiheitsliebende junge Frau die reinste Qual. Ihre Schwiegermutter tut alles um sie in das strenge Hofzeremoniell zu zwingen, ihr Ehemann steht ganz unter dem Einfluss seiner Mutter. Sicher nicht die besten Voraussetzungen für eine glückliche Ehe. Als Sophie ihr auch noch ihre beiden Kinder wegnimmt, verzweifelt Elisabeth beinahe. Als der Kaiser ihre Schönheit als politische Waffe einsetzen will, nutzt sie ihre Chance und verlangt ihre beiden Töchter zurück. Nach einem schweren Fiber stirbt die kleine Sophie – der Tod demonstriert Elisabeth seine Macht. Zuletzt wird dem Kaiserpaar ein Thronfolger geboren, Rudolf. Doch auch ihn raubt man der Mutter und Erzherzogin Sophie lässt ihn erziehen. Elisabeth stellt den Kaiser vor eine letzte Entscheidung – entweder sie, oder seine Mutter. Franz Joseph, der sie aufrichtig liebt, gewährt ihr von nun an jeden Wunsch. Sie darf Rudolf erziehen.
Elisabeth hat sich befreit. Ihr Leben in Rastlosigkeit und Schönheitswahn beginnt. Sie badet in Milch, lässt sich täglich maniküren, stundenlang frisieren und auch sonst verwöhnen. Während das dem Adel am Hof nur Recht ist und sie aus der Politik fern hält, zürnt ihr das Volk ob dieser Verschwendungssucht. Selbst der Tod, der ihr noch immer folgt, umwirbt sie erfolglos. Elisabeth bestimmt selbst über ihr Leben, so glaubt sie jedenfalls. Doch sie muss feststellen, dass sie in Wahrheit „Nichts, Nichts, Gar Nichts“ erreicht hat.
Sophie will indes einen letzten Versuch wagen um den Kaiser „von der Hörigkeit“ zu befreien. Man führt ihm eine Prostituierte zu von der er sich sogleich die Syphilis holt und seine Ehefrau ansteckt. Elisabeth nutzt diese Erniedrigung zu einem weiteren Befreiungsschlag – sie reist. Quer durch Europa und immer auf der Suche nach etwas, das sie nicht finden kann. Sie ist nicht für ihren Sohn da, der sie dringend braucht. Der Tod nimmt sich stattdessen Rudolfs an und „bleibt ihm nah“. Elisabeth bemerkt nicht den aufkeimenden Nationalismus und es interessiert sie nicht, dass sie die letzte Hoffnung Rudolfs ist. Die einzige, die ihm beim Vater wieder ins rechte Licht rücken könnte. Rudolf begeht aus Verzweiflung im Schloss Mayerling Selbstmord.
Nun ist Elisabeth in ihrer Verzweiflung bereit zu sterben. Sie hat erkannt, wie ähnlich sie und Rudolf sich waren, und das sie ihn deshalb weggestoßen hat. Sie will den Tod mit offenen Armen empfangen. Doch nun zeigt der Tod ein weiteres Mal seine Macht – er nimmt sie nicht zu sich. Sie lebt weiter in ihrer Trauer, ihrer Rastlosigkeit und Unzufriedenheit. In Wien weilt sie kaum und Franz Jospehs Liebe reicht ihr nicht. Es ist ein unerfülltes Leben, das schließlich von Lucheni auf der Uferpromenade Genfs beendet wird. „Der Schleier fällt“ und der Tod gibt Elisabeth den letzten, erlösenden Kuss…

(Handlung Ende)]

In Berlin wurde das Stück von Harry Kupfer neu inszeniert, er hatte bereits bei der Uraufführung 1992 Regie geführt. Wie viel tatsächlich neu war, kann ich schlecht beurteilen, da ich mit der Wiener Variante kaum vertraut bin. Gesehen habe ich das Stück zuvor nur in Stuttgart. Trotzdem erscheint mir diese Inszenierung recht nah an der Wiener.

Die wie zuvor erwähnt wirklich kleine Bühne des Theaters des Westens wird zu beginn mit einem schwarzen Vorhang verdeckt, in dem jedoch eine Silhouette der Elisabeth in hellblau scheint. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine zweite Wand fast direkt dahinter, die im Verlauf des Stückes auch noch als Bühnenelement genutzt wird. Die Bühne selbst ist wirklich extrem schlicht gehalten. Oben links hängt ein recht schwer zu identifizierendes schmückendes Element, das sich bei näherem Hinsehen als ein Totenschädel mit Krone und vielen Rabenfedern entpuppt. Die Wände bestehen komplett aus hochfahrbahren Toren auf die zu allen Zeiten Bilder projiziert werden. Wenn auch an vielen Stellen geschickt eingesetzt, hätte ich mir persönlich statt der Projektionen jedoch lieber ein echtes Bühnenbild gewünscht. Muss eines der spärlichen Kulissenteile herausgefahren werden oder wird die Drehbühne genutzt, werden einige der Tore geöffnet. Die Drehbühne, die wohl das einzig nennenswerte technische Detail des Theaters ist (man bedenke das Alter und die beengten Verhältnisse der Bühne) wird wie eigentlich immer extensiv und exzellent genutzt.
Zu den tatsächlichen Requisiten und Kulissenteilen zählen einige Tische und Stühle, ein Bett, eine Art Rabenboot des Todes, das alternativ auch als Bett des kleinen Rudolf dient, einige große Spiegel, sowie nicht zuletzt die „Caféhaus-Autoscooter“, wie sie eine Freundin liebevoll bezeichnete. Diese sind Tische mit vier Stühlen und vielleicht noch einem Garderobenständer, die tatsächlich auch im Theater als Scooter bezeichnet werden (zu sehen auf einem der Bilder im Programmheft, bei dem man am vordersten Scooter einen entsprechenden Klebezettel sieht), werden vom Ensemble selbst gesteuert. Unten am Tisch ist das Gaspedal, gelenkt wird vermutlich am Tisch. Wahrhaftig eine Meisterleistung, das da alles glatt gelaufen ist! Bühnenbescherrschend ist zudem ein Treppenelement, das von oben heruntergeklappt wird und meist dem Tod oder Lucheni als Rampe dient. Das letzte nennenswerte Teil wäre wohl das Element „zwischen Himmel und Erde“ das mal Elisabeth und Franz Joseph auf den Schwingen der Liebe empor trägt, mal als Tor mit roten Samtvorhängen dient oder auch dem Tod einen Auftritt ermöglicht.

Aufgrund dieser doch recht spärlichen optischen Elemente konnte man sich voll und ganz auf alles andere konzentrieren. Die Kostüme waren großteils wie gehabt mit meist nur wenigen Änderungen. Etwas irritierend fand ich allerdings den häufigen Kostümwechsel des Todes von Schwarz und Weiß. Nun ja, es steckt sicher ein System dahinter, aber so ganz erkannt habe ich das nicht.

Die Choreographie sowie auch die Bewegungen der Ensemblemitglieder waren sehr stark auf dieses Puppenhafte ausgerichtet. Was am Anfang noch irritierte, machte nach einer Weile Sinn. Zunächst sind ja diese Figuren lediglich wieder auferstandene Tote, die der Tod lenkt. Und andererseits war das Wiener Hofzeremoniell ebenfalls so steif. Also muss man dieser Anlage wohl doch ein Lob aussprechen.

In dieser Inszenierung gewannen einige Lieder eine ganz neue Bedeutung für mich. So war „Wenn ich Tanzen will“ wirklich erstaunlich aggressiv – doch es passte. Weniger stimmig fand ich die Beziehung zwischen Rudolf und dem Tod. Obwohl das teilweise an Tod Felix Martin gelegen haben wird, der mir persönlich nicht zugesagt hat. Diese Beziehung, anderswo bereits als „homoerotisch angelegt“ beschrieben, empfand ich eher als eine Situation zwischen Kinderschänder und seinem Opfer. Es tut mir Leid, dies so hart ausdrücken zu müssen, aber eine bessere Beschreibung fällt mir nicht ein. Der Tod wirkte eben nicht wie ein Freund, sondern wie jemand, der von Anfang an Macht über den Jungen will. Als Erwachsener, wird dann Rudolf vom Tod gelenkt. In sich stimmig soweit, aber doch für meinen Geschmack etwas überzogen dargestellt.

Bleiben zuletzt noch die Darsteller, die als Ensemble wundervoll harmoniert haben und einen reibungslosen Ablauf des Abends ermöglichten.

Pia Douwes – Elisabeth
Die Grand Dame des Musicals, die Elisabeth schlechthin, sie hat zum letzten Mal diese Rolle angenommen und ich hatte wirklich das Glück sie zu erleben. Kurz, ich bin überwältigt und fasziniert. Schon mit hohen Erwartungen hineingegangen, waren diese beim Hinausgehen noch übertroffen worden. Pia, mittlerweile 44, ist Elisabeth. Sie ist sie als 15-jähriges Mädchen und als alte Frau. Das erstaunlichste für mich war, dass sie nicht nur gespielt hat wie ein junges Mädchen, sondern dass sie auch so klang. Und das so gut wie ohne aus ihrer Rolle zu fallen. Gut, wenn heftige Emotionen im Spiel waren, hat sie es etwas schwerer gehabt, jung zu wirken – aber sie hat es gepackt. Ich verneige mich vor einer so unglaublichen Leistung.

Felix Martin – Der Tod
Bei „Der Letzte Tanz“ schien es mir als hätte ich einen noch in etwas Extraschmalz getauchten Jürgen Drews vor mir, beim letzten Ton schauert es mich denn auch vor, nun ja, Abscheu. Glücklicherweise blieb das seine in meinen Augen schwächste Nummer. In seinen besten Momente wirkte er durchaus überzeugend, aber insgesamt schien er mir die „erotisch-laszive Seite“ der Rolle zu sehr zu betonen. Auch fand ich seine Interpretation nicht ansprechend – sein Tod war machtgeil, nicht verliebt. Auf mich wirkte er nicht, als ob er überhaupt zu Liebe fähig wäre. Gut, nun soll der Tod das ja auch nicht, aber er verliebt sich trotz allem in Elisabeth. Die Motive für diese Liebe blieben bei ihm verborgen und dem finalen Kuss fehlte irgendwie die Motivation…

Bruno Grassini – Luigi Lucheni
Als waschechter Italiener hat Grassini genau das richtige Temperament für diese Rolle. Seine Mimik ist lebhaft, er selbst sehr wandelbar und immer auf den Punkt. Er macht Spaß und ist stimmlich auch einfach klasse besetzt! Ein idealer Lucheni.

Markus Pol – Kaiser Franz Joseph
Eine undankbare Rolle, wirklich, jeder der sie spielt tut mir irgendwie Leid. Markus Pol bleibt rollenbedingt so auch recht blass, kann aber doch an einigen Stellen (besonders „Elisabeth, Mach auf mein Engel“) beweisen, dass auch in Franz Joseph eine Persönlichkeit steckt.

Christa Wettstein – Erzherzogin Sohpie
Sie hat aus der Rolle so eine richtige alte Vettel gemacht, die man wirklich nicht leiden mag. Im Spiel ist das grandios, in wiefern es jedoch beim Gesang nur Rollenauslegung oder naturgegeben ist, lässt sich schwer feststellen. Gelungen ist ihr zumindest eine unsympathische Darstellung der Sophie, eben wie man sich das wünscht.

Maike Katrin Schmidt – Herzogin Ludovika/ Frau Wolf
Bedaurlicherweise sind ihr Auftritte zu kurz, um sich ein umfassendes Bild machen zu können, doch sie hat ihre Rollen trotz deren Kürze und Oberflächlichkeit gut gefüllt.

Norbert Lamla – Herzog Max
Mir gefällt sein besonderes Stimmtimbre wirklich sehr gut. Er wirkt warm und väterlich, aber ebenso streng wenn es die Rolle verlangt. Ebenfalls gut, wenn auch ein wenig verwirrend, war sein Auftritt als alter Franz Joseph.

Oliver Arno – Kronprinz Rudolf
Er hat eine schöne, wenn auch nicht allzu besondere Stimme, mit der er als Rudolf die Facetten seiner Figur gut mimt. Schade, dass er bei einem der schönste Lider des Stückes, „Die Schatten werden länger“ so wenig Möglichkeiten hatte, sic hz uentfalten. Er hätte sie sicher gut genutzt.

Jacob Jesse – Rudolf als Kind
Er hat den Knuddelfaktor auf seiner Seite sowie die Sympathie des Publikums – natürlich. Trotzdem hätte ein etwas besserer Sänger dieser Kinderrolle nicht geschadet…

Ensemble Herren
Martin Rönnebeck (Graf Grünne)
Peter Stassen (Kardinal Rauscher)
Robert D. Marx (Fürst Schwarzenberg)
Martin Pasching (Baron Kempen)
Krisha Dalke (Baron Hübner, Todesengel)
Martin Markert (Journalist)
Thomas Hohler (Max von Mexico, Todesengel)
Martin Planz (Ungarischer Adeliger, Todesengel)

Ensemble Damen
Esther Hehl (Gräfin Esterhazy) – stach positiv heraus
Sophie Blümel (Helene, Todesengel)
Alice Macura (Fräulein Windisch)
Bettina Bogdany (Gräfin Sztaray)
Carmen Wiederstein (Gouvernante)
Claudia Wendrinsky (Mary Vetsera, Todesengel)
Claudie Reinhard (Fanny Feifalke, Todesengel)
Marella Martin (Hofdame)

Dirigiert wurde die Vorstellung von Tobias Vogt.

Alles in allem war der Abend trotz für meinen Geschmack etwas zu modern gehaltener Aufmachung ein Erlebnis. Musik und Geschichte sind packend genug um über solche Defizite hinwegsehen zu lassen.
windygirl
 
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