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Erwin Kannes - Trost der Frauen (Berlin)

Berichte über Eindrücke, Pannen etc.

Erwin Kannes - Trost der Frauen (Berlin)

Beitragvon windygirl » 21.07.2006, 11:17

Bericht Erwin Kannes – Trost der Frauen
Donnerstag, 20. Juli 2006; 20.00
Neuköllner Oper
Reihe 10, Platz 7

Musik: Thomas Zaufke
Text: Peter Lund
Wiederaufnahme
Koproduktion mit der UdK Berlin

Wie schon bei meinem Bericht zu „Held Müller“ im selben Theater sei auch hier vorweggeschickt, dass dieses Stück einfach nur witzig ist. Die Handlung ist leicht, doch sie zeigt Alltagssituationen in denen sich der eine oder andere sicher wieder findet. Meine Bitte: Seht das Stück, genießt es, lacht – und lasst euch von niemandem die Laune verderben für den das Anspruchsniveau zu niedrig ist! (und auch nichts für Leute, denen Unterwäsche ui wenig Kostüm ist :wink: )

Erwin Kannes ist die Wideraufnahme einer Zusammenarbeit zwischen der Neuköllner Oper und der UdK Berlin – die mittlerweile siebente. Hier gibt es die geballte Ladung Jungtalent (inzwischen ist neben dem Studiengang Musical/Show auch der Studiengang Tonmeister mit von der Partie) und ich kann euch versprechen: Wir können der Musical-Zukunft beruhig ins Auge sehen!

Dem Bühnenbild kann man förmlich von der Nasenspitze ablesen, dass es wie auch das „Held Mülller“s von Jürgen Kirner stammt. Auf den ersten Blick wirkte es abstrakt, fast lächerlich. Doch im Verlauf des Stücks erweißt es sich als äußerst praktisch und wandelbar. Die Bühne an sich besteht zum grossteil aus einem grasgrünen Podest (Kalle: „Alles Kunst hier! Mensch, das is Natur, das will wachsen!“) neben dem sich links ein tiefergelagerter grauer Teil befindet. Hier steht zu Beginn die Pappfigur eines halben Autos und hier ist auch die Bushaltestelle. Letterland steht hier geschrieben. Auf der Bühne selbst befinden sich vier kleine Hausmodelle, die im Stück abwechselnd als Podeste, Stühle oder eben als Hausmodelle benutzt werden. Des weiteren sieht man einige „Bäume“. Diese haben die Form wie die Bäume aus Holz, mit denen wir als Kinder gespielt haben. Das letzte Schmankerl auf der Bühne ist ein Kinderwagen…

Kennst du das Land wo niemand weint
wo jeden TaG DIE Sonne scheint.
Das Glück regiert mit leichter Hand –
In Letterland!


Letterland ist das Zuhause unserer neun Protagonisten. Da ist Melanie Flut, die mit ihrem Mann Thomas und den neun Monate alten Zwillingen ein wunderbares Leben führt. Wenn da nur nicht deren andauerndes Geschrei wäre, wenn die Eltern - haben wollen…
Mel hat zwei beste Freundinnen: Marie-Luise Reich und Anwältin Kimberly Schnell. Eines wird das ruhige Leben in Mels Letterland gestört. Sie erhält einen obszönen Brief. Und dann auch noch von diesem Erwin Kannes! Erwin ist so gar nicht Lettland-like, er ist faul, dick und stinkt. Sie ist empört und will den Brief ignorieren. Doch als sie sich mit Thomas streitet und der vermutet sie habe ein Geheimnis („Mel! Das ist gar nicht gut für unser partnerschaftliches Vertrauensverhältnis! :lol: ), zeigt sie ihm den Brief. Tom ist eifersüchtig und wirft ihr vor, sie habe etwas mit diesem Erwin Kannes (hier schmettert er noch ein wundervolles Solo, „Eifersucht“). Mel erzählt ihren Freundinnen davon und sie beschließen sich zu rächen. Der Plan? Mel soll Erwin einladen, Kim soll Tom davon erzählen und MaLu warnt die beiden wenn Tom nach Hause kommt. Der Plan scheint fast aufzugehen. Doch Tom reagiert nicht ganz wie erwartet. Statt nur eifersüchtig und rasend zu sein schläft er nebenbei noch mit Kim. Vielleicht habe er sich damals ja falsch entschieden. Mel sitzt nun zu Hause mit Erwin und – nichts. Sie kneift. Doch sie erfährt Erwins Geheimnis, mit dem er die halbe Siedlung rumgekriegt hat: Tanzen Sie einen Tango mit mir. Drei Schritt vor und nur einen zurück[

Während ihre Freundinnen doch Wach stehen sollten, sind die auf der Geburtstagsparty von MaLus 14jähriger Tochter Anna. Hier verknüpfen sich beide Handlungsfäden. Schließlich gibt es in der Siedlung auch Jugendliche. Das sind hier Möchtegern-Punk Karl, sein kleiner etwas dicklicher Freund Olli, die „angemalte und strohdoofe Tussi“ Sandy und eben Anna. Uns steht nun das übliche Gefühlschaos bevor: Olli will Sandy, die ihn nicht leiden kann („Lieder würde ich ein Stinktier küssen als dich, Oliver Konnopke!“). Sandy wiederum ist total verknallt in Kalle, der sie für einfach nur dumm hält und Anna liebt. Anna ist schüchtern, trägt auch diesen gewissen Punklook (Kostüme: Daria Kornysheva) und fiedelt lieber auf ihrem Cello als eine Geburttagsparty zu planen („Draußen sind 37 Grad im Schatten. Jedes normale Kind ist heute im Freibad. Und was macht meine Tochter? Sitzt im Halbdunkel und fiedelt Beerdigungsmusik!“ „Bach!“ „Was?“ „Das ist Bach, Mama. Das ist Welt-kul-tur-er-beee!“). Doch bei jener Party verlieben sich Anna Karl…

Schließlich fällt MaLu und Kim ihre Freundin wieder ein und sie eilen hin. Gerade noch rechtzeitig kann man Erwin in den vorbereiteten Kleidersack des DRK stopfen und Mel ihrem Mann vor de4r ganzen Nachbarschaft eine Szene machen. Sie setzt ihn vor die Tür. Darauf geht der verzweifelte Tom zu Erwin und bittet ihn um Rat. Und nachdem der Olli, der sich ebenfalls Rat geholt hat, fortgeschickt hat, verrät er auch ihm sein Geheimnis: „Tanzen Sie einen Walzer mit mir. Einen Dreiviertelwalzer mit mir!“ (Übrigens, liebe Männer, es stimmt. Wer tanzen kann macht sich gleich interessanter. :D )
Zudem trifft sich Mel ein weiteres Mal mit Erwin, diesmal in MaLus Haus. Dieser Teil bietet gleich einen ganzen Haufen Szenen, die zum Schreien komisch sind. Wer streitet sich denn auch nicht wie MaLu mit seinem Kühlschrank? Köstlich ist auch, wie Erwin als türkische Putzfrau getarnt versucht an Tom vorbei zu kommen („Frau Reich, Sie haben gesagt Polizei mich nicht finden, wenn ich putzen schwarz nachts!“).

Indessen ist Sandy verdammt eifersüchtig und versucht Kalles und Annas Tête à tête zu ruinieren. Beinahe mit Erfolg. Doch das schafft Tom, der die falsche Tür öffnet und die beiden in flagranti erwischt. Die Folge ist ein Hausverbot für Karl.
Gibt es ein Happyend in Erwins Partykeller? Sandy und Olli haben gleich gar keinen Brief bekommen. Dafür beglücken sie uns mit einer tollen Stepdance-Nummer. (Die mir die Tatsache, dass auch diese Sorte Tanz zur Ausbildung gehört erst wieder ins Bewusstsein gerufen hat. Beängstigend… :wink: ). Die Choreografie stammt übrigens von Neva Howard und Pamela Nagel (Step) und kann sich sehen lassen.
Und ja, wie nicht anders zu erwarten, gibt es ein Happyend. Jeder bekommt am Ende dann doch den erhofften Schatz (na ja, mehr oder weniger jedenfalls) und die Jungtalente dürfen sich mit ausgiebigem und verdientem Applaus feiern lassen.

Lucy Scherer – Melanie Flut
Bedauerlicherweise hat mir diese Zentralfigur des Stückes am wenigsten gefallen. Lucy war nicht schlecht, aber mir hat ihre Stimme nicht richtig gefallen. Sie passt zu ihr, aber mich hat etwas gestört. Ihr Stimme war nicht ganz klar. Möglicherweise würden andere gerade das aber als da „gewisse Etwas“ ansehen.

Helene Blöcker – Marie-Luise Reich
Möglicherweise hat sie schon mal jemand bei 3M in Berlin als Milady gesehen. Ich nicht und so richtig kann ich mir das auch noch nicht vorstellen, aber sie hat eine schöne Stimme, kraftvoll. Doch allein ihre Zwiegespräch mit dem Kühlschrank (Stimme: Benjamin Eberling) ist ein Grund dieses Stück zu sehen: „Ich weigere mich derartige moralische Probleme mit meinem KÜHLSCHRANK zu erläutern!“ Das ganze Theater hat gebrüllt vor lachen :lol:

Evamarie Keding – Kimberly Schnell
Für mich gehörte sie zu den schönsten Stimmen des Abends. Zudem hat sie alle Seiten der Rolle (Anwältin, beste Freundin, eifersüchtiges Weib) unglaublich realistisch gespielt. Zudem haben wir hier ein Gesicht, das nicht nur hübsch sondern jetzt schon etwas markanter ist.

Martin Kiuntke –Thomas Flut
Kraftvolle Stimme, die er bei seinem Solo „Eifersucht“ voll zur Geltung bringen konnte. Ihm steht auch nur Unterwäsche gut :wink: und er ist Bassist der Berliner a-capella-Formation „TuneFish“.

Anne Hoth – Anna Reich
Die schönste weibliche Stimme des Abends, klar, rein und frisch. Zudem eine schöne Stimmfärbung. Ich würde mich freuen, sie noch öfter zu hören. Sie ist auch Sängerin und Gitarristin der Berliner Band „The Ochmonecks“.

Martin Schäffner – Karl-Heinz Bürger
Mein persönliches Highlight! Ich hab ihn auch schon in Cabaret als Victor/Frenchy gesehen und war schon da begeistert, wie er sich bewegt hat. Jetzt kommt hinzu, dass er auch noch eine sehr angenehme Stimme hat. Dunkel, aber klar. Und dann sieht der kleine auch noch ganz schnuckelig aus :wink:

Nadine Eisenhardt –Sandy Deutschmann
Wenn man sich ihr Foto ansieht erwartet man nicht, dass sie eine solche Rolle spielen kann. Dort trägt sie dunkles Make-up, fast schon Grufti-Stil. Und ihre Rolle ist laut, schrill und… pink. Möglicherweise ist es ja einfacher eine solche Slapstick-Rolle zu spielen als eine dramatische, aber überzeugen muss man trotzdem. Und das tut sie vollkommen.

Patricia Röder – Oliver Konnopke
Nein, ihr habt euch nicht verlesen. Hier spielt wirklich eine Frau eine Männerrolle. Man kann sich fragen, warum? Hat der Jahrgang nicht einmal 4 Männer, dass einer von einer Frau gespielt wird? In jedem Fall ist es sicher für sie eine einmalige Chance, denn wie oft kommt so was schon vor? Andersherum dann schon öfter. Natürlich bemerkt man es sofort an ihrer Stimme, die sanft und klar ist, doch am Aussehen ist es nicht erkennbar. In weiten Hosen und Pullover wird jede Weiblichkeit versteckt. Eine tolle schauspielerische Leistung.

Benjamin Eberling - Erwin Kannes (und Kühlschrank :wink: )
Er war bereits 2005 in der Uraufführung von Erwin Kannes als selbiger zu sehen. Und er hat das „asoziale Stück Dreck“ absolut realistisch verkörpert. Man konnte förmlich riechen, wie er stinkt und muss doch schon grinsen, wenn der dann auch noch ein Fremdwort in den Mund nimmt. Insgesamt macht sein Erwin nicht den Eindruck ein besonders angenehme Zeitgenosse zu sein – und genau das ist das Ziel. Doch wenn er einen mit dieser Stimme zum Tanz fordert, möchte frau am liebsten gleich selbst aufspringen und mit diesem Ekel tanzen :D

Ich habe jetzt vielleicht etwas zu viel gelobt, doch in meinen Augen, haben diese jungen Talente genau das verdient, Lob. Sicher sind sie noch nicht am Ende ihrer Ausbildung, können und müssen noch mehr lernen um in jedem Genre bestehen zu können, doch sie haben bereits gezeigt, was sie können. Für mich bestätigt das nur ein weiteres Mal den guten Ruf der UdK.

Im Internetr fidnet ihr die Neuköllner Oper, die ihren ganz eigenen Charme hat unter
http://www.neukoellneroper.de
Telefon 030/6889070
Fax 030/68890789
info@neukoellneroper.de

Vorverkauf:
030/68890777
tickets@neukoellneroper.de (Di-Fr + an Spieltagen 15-19 Uhr)
windygirl
 
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Registriert: 22.11.2005, 18:56
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