Mittwoch, 03.Mai 2006; 20.00
Neuköllner Oper
Reihe 3, Platz 12
Musik: Thomas Zaufke
Texte: Peter Lund
UA: 1. Mai 2006
Zu Beginn: Musical würde ich das eigentlich nicht nennen, eher Musiktheater. Oder sogar Kabarett.
Musikalisch hat das Stück leider nicht soo viel zu bieten. Die Lieder dienen lediglich als Untermalung und nicht dazu, die Handlung voranzubringen. Leider bin ich daher mit nur einer musikalischen Phrase im Ohr aus dem Theater gekommen („Ich würd so gerne jemand anders sein“). Ohrwurmpotenzial hätte allerdings auch „Sabrina van Dreesen“, das den ersten Auftritt ebenjener Dame ankündigt.
Gesanglich und schauspielerisch (trotz wenig Tanz aber auch „bewegungstechnisch“) bewegte sich der ganze Abend auf überdurchschnittlichem bis hohem Niveau, was sicher auch daran lag, dass die meisten Darsteller bereits viel Theatererfahrung hatten. Positiv auch, dass es keine Anzeichen dafür gab, dass dies erst die 1. reguläre Vorstellung war. Überhaupt gab es nur eine winzige Kleinigkeit, die ich bemerkt habe: ein kleines Zögern/Stocken beim Text von Ulrich Wiggers, dass jedoch nicht störte.
Das einzige kleine Manko des Abends war die Tatsache, dass der Geschichte etwas mehr Realismus gut getan hätte. Trotzdem gab es auch dank des Witzes der das ganze Stück durchzog, keinen Zeitpunkt zu dem ich der Handlung nicht aufmerksam gefolgt wäre. Damit also zum Plot:
Die Deutschen Automobilwerke (DAW) haben soeben trotz hoher Gewinnerwartung 2000 Arbeiter entlassen. Die Firma, durch die Skandale um Manager Friedemann von Tilsit bereits geschwächt, gerät unter Druck, denn die Arbeiter wehren sich. Zwei von ihnen sind Herwig Müller und Kalle Kornovski. Der temperamentvolle Kalle ist mehr als ungehalten über die Entlassung und will die Präsentation der neuen Wasserstofftechnologie (die live im TV übertragen werden soll) stören. Er wird jedoch davon abgehalten. Dafür spaziert der (leider während des ganzen Stückes völlig) schweigsame Müller in den Präsentationsraum. Als die berühmte Fernsehfrau Sabrina van Dreesen erfährt, dass Müller soeben entlassen wurde, wittert sie eine Chance für ein exklusives Interview (Verkabeln! Doch bitte wozu? Ohne Mirkofon ist es mehr als klar, dass der gute Müller kein einziges Wort sagen wird, egal wie oft er dazu ansetzt…). Während sie nun zur Begrüßung der chinesischen Delegation hinauseilt bleiben Firmenchef von Tilsit und Müller allein im Präsentationsraum zurück. Van Tilsit erzählt Müller, dass er nie Leute entlassen wollte, sondern immer nur einen Traum hatte („Autos bauen“). Er will Müller den neuen Wagen zeigen, doch das hätte er lieber lassen sollen…
Da weder Cheftechniker Hindrichsen noch die Rationalisierungsexpertin Heidlinde Waghausen ihn gewarnt haben, steckt Friedemann den Schlüssel ins Schloss – et booom! Friedemann kommt bei der Explosion ums Leben, Müller überlebt. Sabrina van Dreesen hält den Unfall für einen Anschlag eines verbitterten Ex-Angestellten, genauer von Herwig Müller. Waghausen wittert ihre Chance und schwingt sich durch diesen Irrtum zur Chefin auf. Das Mitgefühl der Öffentlichkeit will sie für eine weitere Entlassungswelle ausnutzen.
Indessen wird Müller zum gesuchten Verbrecher. Seine Frau, sein Sohn Mischa, er selbst und Kalle verstecken sich bei Mischas Freundin Jule, einer Amateurpolitikerin (oder zumindest Politikinteressierten – Politikstudium im 21. Semester…). Alle, auch der faule, 31jährige Mischa sehen in Müller nun einen Helden, der es denen da oben mal so richtig gezeigt hat.
Der spektakuläre, aber abrupte, Abschluss des 1. Aktes ist eine weitere Explosion, nach der alle Darsteller von der Bühne fliehen. Die Folge ist, dass der Zuschauer etwas irritiert ist und erst nach einigen Augenblicken überhaupt auf die Idee kommt zu klatschen
Im 2. Akt erfährt man, dass bei diesem Anschlag mehrere Arbeiter umgekommen sind und Heidlinde Waghausen verletzt wurde. In einem Gespräch zwischen van Dreesen und ihrem Mann (und Produzenten) Uli Wessling wird deutlich, wie sehr sich beide Frauen (van Dreesen und Waghausen) hassen. Waghausens Lied „Es ist schön am Leben zu sein“ – vorgetragen in einem Traum von roten Kleid mit Verband um die Stirn und mit drei Krankenpflegern um sie herum – wird zum Abräumer des Abends. Die Spanne der Gefühle und Zustände Waghausens ist dabei beeindruckend: von gebrechlich bis fröhlich und zukunftsorientiert ist fast alles dabei!
Zurück bei van Dreesen und Wessling, es kommt zum Bruch als Sabrina, der ihre Themen sonst völlig egal sind, sich wirklich für die Attentate zu interessieren beginnt (die armen Arbeiter… Sie wurden schließlich entlassen. Genau wie Sabrinas Vater als sie 14 war…) und als Unterhändlerin im Fall Müller fungieren will. Ihr Mann rät ihr sich einen anderen Produzenten zu suchen und tröstet sich mit Heidlinde Waghausen (Achtung, nicht ganz jugendfrei : wink : )
In der Zwischenzeit ist auch Mechaniker Hindrichsen Opfer einer Explosion geworden (wie stark Waghausen ihre Finger im Spiel hat, wird nicht klar…). Nachdem sich, dank van Dreesens Anwesenheit in der „Basis“ der Müllers, das Missverständnis mit den Explosionen aufgeklärt hat, gibt es nur noch zwei Tote zu beklagen: Heidlinde Waghausen und Uli Wessling. Böse, böse Frau van Dreesen…
Obwohl die Geschichte mehr als unrealistisch erscheint, wird sie um so glaubwürdiger dargestellt:
Eckhart Strehle – Herwig Müller
Auch wenn es der Geschichte nicht geschadet hätte, wenn Müller zumindest am Ende etwas gesagt hätte, hat Strehle die (mir unsympathische) Rolle gut gemeistert. Mir würde es ja schwer fallen, meine Klappe solange zu halten…
Doris Pritop – Sabrina van Dreesen
An ihrem Spiel war zwar wirklich nichts auszusetzen, trotzdem hat mich irgendetwas gestört. Vielleicht hat sie ihre Rolle ja doch ein wenig zu übertrieben angelegt. Stimmlich war sie für mich nicht rau genug und auch nicht melodisch genug, nicht Ganzes eben…
Franzsika Becker – Heidlinde Waghausen
Der Star des Abends! Zum einen liegt das natürlich an der Rolle, zum Großteil jedoch an Franziska Beckers fantastischem Spiel, ihrem flüssigen Bewegungen und ihrer Stimme mit dem gewissen Etwas darin. Ihre Mimik war wirklich außergewöhnlich – die Leistungen bei „Es ist schön am Leben zu sein“ schwer zu übertreffen.
Thorsten Tinney – Uli Wessling ua.
Solide Leistung in allen Bereichen und allen Rollen. Aber da er keine Rolle hatte, in die man sich hineinfühlen konnte, ist es schwer seine wirkliche Leistung zu beurteilen.
Ulrich Wiggers – Kalle Kornovski
Schon seltsam ihn nach 2 Jahren wieder zu sehen. Damals, als Thenadier bei Les Miz hatte er mich begeistert und das schaffte er auch dieses Mal. In einem ganz anderen Rahmen konnte er wieder seine Topleistung als Schauspieler zeigen, seine fehlerfreie Stimme hören lassen und auch beweisen, dass er für sein Alter noch verdammt beweglich ist
Gerd Lukas Storzer – Mischa
Auch hier eine solide Leistung mit der gewissen Portion „arbeitsunwilliger Sohn“ darin.
Roswitha Stadlmann – Jule
Sie hat das Stück eröffnet: kommt im Bademantel von der Seite auf die Bühne und beginnt a cappella zu singen…
Besonders hervorzuheben sind bei ihr die geschmeidigen Bewegungen und das dauerhafte Lächeln im Gesicht.
Dagmar Biener – Ingrid Müller
Eine eher unscheinbare Rolle, mit der sie sich nicht in den Vordergrund spielen konnte. Trotzdem gut, außer Mängeln im Gesang.
Marco Billep – Hinrichsen ua.
Ich wusste, den kenn ich irgendwoher! Die Lösung: Cabaret…
Trotzdem hat er für mich erst hier bei „Held Müller“ gezeigt, was er drauf hat. Von mir bekommt er in allen drei Sparten eine Eins mit Sternchen! Besonders hat mir seine weiche, angenehme Stimme gefallen.
Uwe Dreves – Friedemann von Tilsit ua.
Wie schon als Herr Schultz in Cabaret hat er wieder gezeigt, dass er zwar weder richtig gut singen noch tanzen kann, als Schauspieler jedoch ein Ass ist. Bei ihm wird kurzerhand aus dem Firmenchef der kleinen Junge, der immer nur ein ganz schnelles Auto bauen wollte.
Das Orchester hat seine Sache ordentlich gemacht. Nur schade, dass manchmal die Stimmen etwas übertönt wurden.
Das Bühnenbild passte herrlich zu diesem kleinen Theater:
ein ausgebranntes Autowrack, eine Art Bar, eine Toilettenschüssel, diverse Plastiktannenbäume (Zitat mein Vater: „Was haben denen denn die Weihnachtsbäume getan?“ Gute Frage
Nur noch kurz zum Theater:
Die Neuköllner Oper ist ein kleines (ca. 200 Plätze) Stadttheater, wie es sie zu mehreren in Berlin gibt. Sie versteckt sich am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße.
Die technischen Möglichkeiten wurden voll ausgenutzt und schön war, dass das Publikum recht jung war (Durchschnitt so ca. 30 Jahre dagegen Cabaret mit bestimmt 40/45 Jahren…)
Ich hoffe ich konnte euch einen guten Eindruck von „Held Müller“ vermitteln und der eine oder andere sieht es sich vielleicht an, wenn er in Berlin ist/wohnt. Bei Preisen zwischen 9 und 21€ muss man auch nicht unbedingt die Karten gewinnen (so wie ich
Liebe Grüße, Co

