Heute war ich in der Wiener Stadthalle bei der noch bis 19. Oktober laufenden Vorstellung.
Mein persönlicher Eindruck: Genial! Seit der heutigen Vorstellung ist "Joseph" wieder mein Lieblingsmusical!
Schon am Beginn, als die Kinder einzogen, wurde mir warm ums Herz. Und auch die Erzählerin, die kurz danach auf der Bühne erschien, war ein Traum!
Die Rolle fand ich sehr gut gespielt, und es gefällt mir auch ausgezeichnet, dass es eine solche Erzählerin, wo auch die ganzen Erklärungen und Erläuterungen zur Handlung GESUNGEN werden, überhaupt gibt. Dadurch gibt es im gesamten Musical sogut wie kein gesprochenes Wort, und dennoch kann man die ganze Handlung sehr gut nachvollziehen, selbst wenn man von der Handlung vorher keine Ahnung hätte und sich nur die CD anhören würde.
Und sogar am Beginn die Einleitung mit Begrüßung des Publikums ("... Der Zufall will's Ihr seid hier heute nacht. Kommt näher denn dann hört Ihr von mir das Märchen eines Träumers wie Dir ...") wird zu einer sehr schönen Melodie gesungen!
Eine Erzählerin gibt es ja bei keinem anderen Musical, oder? (Finde ich sehr schade eigentlich)
Aber auch Joseph und der Pharao waren sehr gut gespielt! Besonders gut gefiel mir, wie Joseph am Ende eine überdimensionale Riesen-Version des Kleides an hatte, wo die um ihn herumstehenden Brüder und die Frauen jede ein Stückchen davon hochhielten um das Kleid zu präsentieren.
Der Potiphar erschien mir in der Darstellung etwas zu alt, aber sonst ganz OK.
Der Text wurde an manchen Stellen leicht abgeändert, aber das Außmaß der Änderungen war gering genug, dass es mich nicht störte.
Z. B. statt "Armer Joseph, Sklave musst Du sein" sang die Erzählerin heute "Armer Joseph, Sklave wie ein Hund". Statt "Im Traum sah Mond und Sonne ich, elf Sterne drum herum, sie beugten sich vor meinem Stern ich frag mich bloß warum" im Lied "Josephs Träume" singt Joseph stattdessen die eine Zeile so, dass "Mond" am Ende steht, sodass sich dann "das war ich nicht gewohnt" darauf reimt (statt "Ich frag mich bloß warum"). Und die Brüder singen statt "mit dem Träumer ist es aus" stattdessen "der Träumer der muss weg" und davor etwas mit "Zweck" (statt "das finden wir nicht raus"), als Reim auf "weg". Aber die Änderungen waren, wie gesagt, nicht störend.
Bei dem Lied "Armer Joseph" wurde eine Version eingebaut, wo der Refrain von drei verschiedenen Stimmen gesungen wird: Einmal von einer ganz tiefen Männerstimme, dann nochmal wie in einer Oper (so Montserrat Caballé-artig) und dann nochmal in einer orientalischen Version.
Auf der Leinwand im Hintergrund sah man während der "Opern-Version" eine Zeichnung einer Frau, die ungefähr so aussah, wie Königin Elizabeth II von England; Die orientalische Version wurde von einer Spinx "gesungen".
Die Leinwand im Hintergrund war zwar meiner Meinung nach nicht so notwendig wie z. B. beim Musical "Queen", wo das wichtig war, aber dennoch eine nette Idee. Man sah auf der Leinwand immer gezeichnete bzw. gemalte Bilder, die eine Hintergrundkulisse für die jeweilige Szene boten (Kamele, als Joseph als Sklave zu Potiphar geschleift wird, Palmen beim "Benjamin-Calypso", und Untermalung der Träume von Joseph, dem Bäcker und dem Butler in der Zelle und natürlich Pharaos Traum in Form von bewegten Bildern auf der Leinwand)
Außerdem konnte man die Kinder, die man sonst nur von der Seite sehen konnte, auf der Leinwand von vorne und natürlich entsprechend vergrößert dargestellt sehen.
Die Szene, wo Pharao, der "King" Elvis-Presley-artig seinen Traum von den sieben fetten Kühen singt, ist sowieso genial.
Was mir bei der heutigen Aufführung auch sehr gut gefiel, war bei "Ein Engel mehr schwebt am Himmel" der jeweilige plötzliche Wechsel von der geheuchelten betrübten Stimmung der Brüder zur fröhlichen Stimmung, der bei der heutigen Aufführung sogar zweimal stattfand: Einmal erstatten sie ihrem Vater Jakob "betrübt" Bericht, kaum ist Jakob weg, sind sie ausgelassen fröhlich; Dann kommt der Vater aber plötzlich nochmal zurück und plötzlich spielen die Brüder wieder "betrübt". Und nochmal werden sie plötzlich wieder ausgelassen und fröhlich, als der Vater ein weiteres mal wieder hinausgeht. Die plötzliche Reaktionen auf das Auftauchen des Vaters waren gut dargestellt.
Aber nicht nur die Darstellung, auch der Gesang gefiel mir ausgezeichnet! Die Melodien klangen genauso, wie ich sie auch von meiner CD aus dem Collosseum Essen kenne und die Stimmen gefielen mir bei Allen sehr gut.
Die Melodien bei dem Musical treffen sowieso genau meinen Geschmack; Meine melodie-mäßigen Favoriten in diesem Musical sind:
Der Prolog - hat schon mal eine sehr schöne Melodie, obwohl es ja "nur" der Prolog ist.
Wie vom Traum verführt - sowieso ein Klassiker, der weit über die Grenzen der "Musical-Welt" berühmt ist.
Josephs Träume
Der Song des "King" - Sieben fette Kühe
Jakob in Ägypten
Gebt mir mein Träumerkleid
Das war heute jedenfalls ganz was anderes als damals vor acht Jahren, als ich es im Raimundtheater gesehen habe. Das im Raimundtheater hat mir zwar insgesamt trotzdem relativ gut gefallen, weil das Musical ansich einfach genial ist; Aber die Aufführung war damals vor 8 Jahren im Raimundtheater eigentlich eine Parodie auf das Musical: Joseph mit kurzen, schwarzen Haaren(!), die Brüder alle in Jeans und T-Shirts(!!!), und das "Träumerkleid" von Joseph war eher ein "Fetzen". Außerdem wurden im Raimundtheater vor 8 Jahren beim Singen der Rhythmus ziemlich stark verändert. Und Potiphar bestellte sich seinen Sklaven Joseph mit dem Handy(!), bezahlte mit Kreditkarte(!) und bekam ihn mit einem Einkaufswagerl geliefert. Naja.
Also da gefiel mir das heute in der Stadthalle tausendmal besser - da war es so wie ich es mir vorstelle und von der CD aus Essen (wo ja auch Fotos dabei sind) kenne.
Das Träumerkleid von Joseph ist da wirklich schön, auch die Brüder und die anderen Rollen sind so gekleidet wie ich mir das auch vorstelle. Auch die Erzählerin gefällt mir heute in der Stadthalle wesentlich besser als damals im Raimundtheater.
Aber nicht nur im Vergleich zu der parodie-haften Aufführung vor 8 Jahren, sondern auch für sich betrachtet, gefiel mir die Vorführung in der Stadthalle ausgezeichnet und ist ab jetzt, wie gesagt, mein Lieblings-Musical!

