Mein Premierenbericht zu „Les Misérables“ in Thun
Die Musicalfassung von Les Miserables ist in sich, perfekt verfasst. Sie enthält alles, was ein Musical haben sollte und birgt rein in der Handlung, dramaturgisches, emotionales und Spannungs-Erhaltendes Potential, dass auch bei einer mittelmässigen Umsetzung nicht verschwindet. Aus diesem Grund geht man auch nach der Inszenierung von Urs Häberli mit einem guten Gefühl aus dem Musical.
Kennt der Zuschauer das Musical nicht, werden ihm in Thun einige Szenen zu wenig nahe gebracht. Nicht dass der Zuschauer nicht mehr mitkäme, aber eine stärkere Visualisierung, hätte intensivierte Wirkung erzielt. Somit wäre emotional viel mehr möglich gewesen.
So fehlte z.B. ein auffahren der Barrikaden gänzlich. Kommt also Eponine über diese, so kommt sie einfach von oben aus dem bestehenden Bühnenbild. Die Barrikaden können somit nicht wirklich wahrgenommen werden. Auch das Wirtzhaus der Thenardiérs, ist mit nur einem Tisch nicht wirklich als solches zu erkennen.
Die Verkürzung des Musicals führte ebenfalls dazu, dass zu diversen Charakteren nur wenig Mitgefühl entsteht. Nehmen wir z.B. Fantine. Zu ihr fehlt das Mitgefühl gänzlich. Bei den „leichten Mädels“ läuft sie vorbei, gibt sofort ihr Haar her und ohne Widerstand, prostituiert sie sich. Es wird das Gefühl vermittelt, sie versucht sich gar nicht dagegen zu weheren.
„Les Mis“ funktioniert nur dann optimal, wenn der Zuschauer zu jedem Charakter eine Beziehung aufbauen, sein Motiv verstehen und mit ihm mitfühlen kann. Durch diese Kürzungen geht in diesem Bereich sehr viel verloren.
Die Leistung der Darsteller ist durchzogen. Astrid-Frédérique Pfarrer spielt eine kecke und freche Eponine. Nur leider singt sie zu wenig stark und bekundete oft Mühe, die töne zu halten. Ihr Highlight war, als sie das Solo „Nur für mich“ interpretierte. Es Regente bereits und bei der Passage „Regen fällt, die Strasse fliesst wie Silber…“ stemmte Sie sich mit voller kraft in den Regen, der in der tat fiel. Dazu betonte sie die Worte „Regen fällt“ pointiert. Sie sprach dem Zuschauer aus dem Herzen: Warum fällt dieser bloody Regen ausgerechnet jetzt während der Vorstellung?
Carin Levey, Oliver Arno, Petra Kübitz und Martin Pasching konnten ihren Rollen gerecht werden.
Ausserordentliche Leistungen erbrachte Norbert Conrads. Er spielte einen schauspielerisch und gesanglich ausdrucksstarken Javert, der an die Originalinszenierung erinnert. Ebenfalls sind die Thénardiers hervorzuheben. Uwe Schönbeck sang und betonte im besten und verständlichstem Deutsch und trotzdem hatte man irgendwie das Gefühl, er käme aus Ungarn (oder so). Eine ganz eigene Interpretation, die ich schon fast als Meisterleistung taxiere. Seiner Gattin ist die Rolle der Mme Thénardier auf den Leib geschneidert. Man spürte, dass sich Heike Schmitz wohl fühlt und sie diese Rolle schon oft verkörperte.
Unser Lokalmatador Sergio-Maurice Vaglio hat einfach nicht die richtig Stimmlage um Jean Valjean zu singen. Er bemühte sich zwar sehr, die schwierigen Passagen zu meistern, bekundete aber bei vielen Stellen mühe. Es gab Momente, in diesen er perfekt war, aber sobald der Gesang stärker und klassischer sein sollte, konnte er aufgrund seinen stimmlichen Voraussetzungen, nicht mithalten. In diesen Momenten sah man ihm oft die Anstrengung an, aus dem Vollen schöpfen zu müssen, um Kraft in seine Stimme zu bekommen.
Sergio hätte den Javert spielen müssen! In dieser Rolle hätte er ähnlich brilliert, wie er es in den letzten zwei Inszenierungen getan hat. Nichts desto trotz. Alle sieben Freunden, die ich zu Les Miserables „mitgeschleppt“ habe, hat Vaglio gefallen. Er kann also doch nicht schlecht gewesen sein.
Die Entdeckung des Abends war für mich Michael Eisenburger als Enjolars. Ich kannte ihn bislang nicht, bin aber von seiner Ausstrahlung und Bühnenpräsenz beeindruckt. Gesanglich, aber vor allem Schauspielerisch, hat er stark überzeugen können.
Das die Thunerseespiele ohne Pause spielen müssen, ist bei „Les Mis“ besonders ärgerlich. Es braucht einfach eine Pause in diesem Stück, damit der Zuschauer abschalten und die Musik etwas ruhen kann. Dieses Durchkomponierte wirkt einfach langfädig ohne Pause. Zudem sind die Toilettengänge während der Vorstellung so was von ärgerlich.
Nun gut. Durch den Regenunterbruch bekamen wir ja dann die gewünschte Pause. Einfach im falschen Moment. Ein dickes Lob an die Darsteller, die in strömendem Regen einfach weitergespielt haben!
Les Miserables erzielte auch in Thun seine Wirkung und wenn die Technik noch besser eingespielt ist, wird es mit Sicherheit noch an Qualität gewinnen.
Gratulation an alle beteiligten, die das Musical auf die Beine gestellt haben! Ein besuch lohnt sich in jedem Fall!
Anhang:
In Sachen Professionalität müssen die Thunerseespiele auch im nächsten Jahr noch dazu lernen:
Auf der HP versprechen sie Regelmäntel, da auch bei leichtem Regen gespielt wird. Wir, und auch viele andere Zuschauer haben aber beim Eingang keinen gekriegt und auch auf unserem Sitz war keiner aufgelegt (nicht wie im letzten Jahr). Was war nun passiert, als es zu Regnen begann? In scharen, verliessen viele Zuschauer die Ränge. Es wurde nachgeholt, was das Personal beim Einlass versäumte. Regenmäntel wurden während der Vorstellung in die Ränge geworfen. Was für eine unnötige Unruhe! Auch die Darsteller werden nicht gerade Freude daran gehabt haben, da sie ja schon mit den Wetterbedingungen kämpfen mussten.
Zudem fungieren auf der Bühne neben vielen guten, immer noch 2-3 Statisten, die über null Bühnenpräsenz verfügen. Ich befürworte, dass die Seespiele Laiendarsteller engagieren, aber nicht solche, die durch ihre Körperhaltung und durch ihr auftreten, negativ auffallen.
Bislang war auf www.thunerseespiele.ch ein Forum aufgeschaltet. Dieses wurde nun ohne Kommentar durch eine Ticketbörse ersetzt. Den Thunerseespielen scheint es wichtiger zu sein, keine Kritik uns somit keine Verbesserungsansätze finden zu können, als den Meinungsaustausch der Zuschauern zu fördern und somit auch Lob und Inputs zu erhalten. Eigentlich schade.

