„Lord of the Rings“
20.08.2007 – 7.00 pm – Theatre Royal Drury Lane London
An diesem Montag ging es also zum 4. Mal nach Wicked, Les Misérables und Avenue Q in ein Theater am West End. Allein die Außenfassade und das Foyer des Theaters sind wunderschön hergerichtet worden, so dass es auch kaum zu übersehen ist, wenn man durch Covent Garden schlendert und einen Blick in die Drury Lane wirft. Sobald man dann im Saal war, herrschte schon ein „HdR-Gefühl“ – denn das Bühnenbild erstreckte sich bis über ca. ein Drittel des Saales in Form von geschlungenem Geäst, wie es auch im Logo des Musicals zu sehen ist.
Über die Plätze konnte ich mich diesmal absolut nicht beschweren – 20 Pfund, 4.Reihe Platz 4 (von außen gezählt), was sich als perfekter Platz mit Sicht auf die gesamte Bühne herausstellte. Ca. 15 Minuten vor Beginn der Show bevölkerten dann schon die ersten Hobbits das Auditorium und unterhielten die Leute mit etwas tollpatschigen Versuchen kleine „Glühwürmchen“ zu fangen, die über den Köpfen der Zuschauer schwirrten – wobei sie sich auch nicht davon abhalten ließen, Zuschauer zu bitten ihre Plätze zu räumen, auf den Lehnen zwischen den Reihen zu balancieren, etc. Ähnelte zwar einer Clownaktion, entpuppte sich aber doch als recht nette und witzige Idee.
Sobald die Show begonnen hatte, wurde mir schon klar – dieses Musical geht nochmal in eine komplett andere Richtung als Wicked, Les Miz oder gar Avenue Q. Genau genommen müsste man eigentlich das Ganze als Theater mit Musikbegleitung sehen. Denn die Wirkung der Musik war mehr wie Filmmusik, d.h. nur wenige Soli, mehr Ensemblegesang und sehr viel musikalische Begleitung ohne Gesang. Allerdings muss man sagen, dass es tlw. Vielleicht auch gut war, dass die Darsteller nicht allzu viel Solo gesungen haben…
Frodo (James Loye) und Sam (Peter Howe): Diese beiden hatten ihre Rollen sehr ähnlich wie im Film angelegt. Howe als der knuffige Sam, der alles unternimmt um seinen Herrn Frodo auf seiner Reise zu unterstützen und Loye als Frodo, der unerwartet in sein großes Abenteuer schlittert. Beide waren hervorragende Schauspieler, besonders James Loye, der die Versuchung Frodos zur Macht des Ringes und die Gefahr des Ringes wirklich glaubhaft dargestellt hat. Auch vom persönlichen Hintergrund her wurden diese Rollen recht umfangreich gelassen, man erfährt genauso viel über sie wie im Film auch (das Buch als Vergleich zu nehmen ist glaube ich etwas sinnfrei
Gandalf (Malcolm Storry): Nun, sein Gandalf hat mich nicht wirklich überzeugt. Er hat die Rolle ein wenig zu hektisch gespielt, die Würde des alten Zauberers hat einfach gefehlt. Hier hat man auch das Problem der Zeit gemerkt – der Charakter Gandalf hat deutlich an Geschichte und Tiefgründigkeit verloren. Dass auch nur ein einziger Mensch im Saal, der die story vorher NICHT kannte den Wechsel zwischen Gandalf der Graue und Gandalf der Weiße kapiert hat bezweifle ich stark.
Merry (Ben Evans) und Pippin (Owen Sharpe): Herrlich. Die beiden waren im Stück fast noch unterhaltsamer als im Film. Mit ihren witzigen und bescheuerten Kommentaren lockerten sie das gesamte Geschehen immer nett auf. Womit allerdings meine Begleitung starke und ich teilweise auch kleine Probleme hatte, war Owens accent. Man merkte dann doch sehr stark, dass er Ire ist…
Aragorn/Strider (Jérôme Pradon): Das war für mich die größte Frechheit überhaupt, aber eigentlich vorhersehbar. Okay, sie mussten die Handlung kürzen – aber warum ausgerechnet bei meinem Lieblingscharac im gesamten Stück? Kurz und knapp, Aragorn war eigentlich nicht mehr vorhanden, die Tatsache, dass der Streicher eigentlich ein König war und am Schluss die Armee der Menschen angeführt hat ging quasi unter, bzw. nach dem Motto abgetan „Big surprise, I’m a king!“. Selbst bei der Beziehung zu Arwen wurde alles gestrichen, außer, dass sie eben ein Paar waren, um den romantischen Faktor nicht ganz zu verlieren. Schade, denn gerade er hat doch einen so interessanten Hintergrund…
Dasselbe Prinzip wurde bei Legolas (Michael Rouse) angewandt, wobei hier die Abwandlung vom Film weg der Rolle eigentlich nur gut getan hat und sie mir zum ersten Mal sympathisch gemacht hat – so ganz ohne lange blonde Haarpracht. UND – auch er hatte tatsächlich eine gute Gesangsstimme. Allein Bilbo (Terence Frisch) hat sich noch ein wenig in den Vordergrund gedrängt – allerdings hatte die Rolle hier starke Ähnlichkeit mit Peter Pettigrew aus Harry Potter…
Last but not least die Beiden, die ganz deutlich an diesem Abend triumphiert haben:
Galadriel (Laura Michelle Kelly): Sie hat die Galadriel wirklich absolut überzeugend, mit der nötigen Würde und Eleganz gespielt. Unterstützt natürlich durch herrliche Kostüme verwandelte sie jede ihrer Szenen in magische Momente. Und nicht zuletzt besaß sie abgesehen vom Ensemble die wohl beste Sängerin, bzw. war die einzige, die die Chance hatte dies zu beweisen. Ihre klare Stimme verleihte den ohnehin fantastischen Elbenszenen nochmal den nötigen Touch für das Überirdische, zusammen mit der passenden musikalischen Begleitung natürlich.
Gollum (Michael Therriault): Diese Rolle war für mich live auf einer Bühne nicht vorstellbar. Umso lieber hab ich mich eines besseren belehren lassen – Was dieser Mensch Abend für Abend auf der Bühne leistet muss man selbst gesehen haben, um wirklich einen Eindruck davon zu haben. Meiner Meinung nach steht er Andy Serkis um nichts nach. Nicht nur hat er die Kreatur Smeagol überzeugend gespielt, auch die Zerrissenheit der Figur war absolut überzeugend, von der Haltung über seine Bewegungen bis hin zur Stimme. Brilliant.
Trotz allem bleibt das Stück primär ein Musical fürs Auge. Die Musik ist zwar sehr schön – kommt aber leider nicht an Howard Shore ran. Allein die elbischen Szenen und wenige Duette der Hobbits bilden hier kleine Ausnahmen. In Sachen Tanz wurde viel Wert auf Akrobatik gelegt, so wirbeln die Elben an Hochseilen über die Bühne und Orks scheinen eine neue Fortbewegungsmethode gefunden zu haben – Sprungstiefel, die allzu gerne für Saltos eingesetzt werden.
Ein Kommentar einer meiner Sitznachbarn trifft das Stück allgemein recht gut: „Well, I haven’t got the foggiest idea, what the story is about, but it simply looks amazing.” In der Tat steht auch die Geschichte mehr im Hintergrund, denn den Eindruck, der am Schluss bleibt bildet ganz klar das Bühnenbild. So blinkt, kracht und blitzt es beinahe in jeder Szene – es macht aber trotzdem nicht den Eindruck es wäre überladen. Im Gegenteil, so ist es ihnen gelungen sämtliche Bühnenbilder überzeugend darzustellen: das Feuerwerk am Anfang, der Balrog in Moria, Elbische Wälder mit goldenen Sternschnuppen, die Riesenspinne Kankra oder eben die Schlachten von Mittelerde (die leider ins Unverständliche gekürzt wurden, genauso wie die Schlachten um Minas Tirith und Helms Klamm. Denethor verschwindet somit ganz von der Bildfläche, Theoden trägt dagegen zur weiteren Verwirrung einiger Zuschauer bei, die mit der Story nicht vertraut waren…)
Alles in allem ist das Stück durchaus zu empfehlen – wenn man a) diese Art von Musical mag und vor allem ein aufwendiges und gigantisches Bühnenbild durchaus schätzt und dafür auf manch andere Aspekte verzichtet und b) mindestens die Filme gesehen hat, sofern man etwas von der Handlung verstehen möchte. Denn ohne Hintergrundwissen ist es meiner Meinung nach absolut unmöglich dem Geschehen zu folgen, weil es einfach zu viele Personen und einzelne Handlungsstränge gibt. Ist auch logisch, schließlich ist es der Stoff aus drei prallgefüllten Büchern. Und es gibt ja auch eine lange und eine kurze Pause zwischen den 3 Akten, die genug Zeit bieten um sich die Handlung von jemanden erklären zu lassen… HdR-Fans sollten sich das Stück also auf jeden Fall bei Gelegenheit ansehen, allein die Umsetzung der verschiedenen Bühnenbilder ist das Ticket wert!



