Bericht Robin Hood – Für Liebe und Gerechtigkeit
Dienstag, 25. Dezember 2007; 19.30
Schillertheater, Berlin
Parkett Rechts, Reihe 11, Sitz 18
Das Leben ist voller Überraschungen, doch die schönste ist noch immer, wenn einem das Leben ins Gesicht grinst und sagt: „Zu früh gefreut“. Genau das war es leide, was mich am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages im Berliner Schillertheater erwartete – einer dieser „zu früh gefreut“ – Momente. Ich kam, rund eine Dreiviertelstunde vor Begin der Vorstellung, im Theater an und warf gespannt einen Blick auf die aushängende Besetzung des Abends. Wie mir zuvor bewusst war, stand Yngve Gasoy Romdal nicht darauf, da der Norweger momentan verletzungsbedingt eine Pause einlegen muss. Dann doch aber wenigstens seine Spiel- und Lebenspartnerin Leah Delos Santos – oder? Hocherfreut las ich den Namen der hübschen Philippina neben des Rolle der Lady Marian – dann stand einem wunderbaren Abend ja nicht mehr im Wege! Doch, zu früh gefreut. Etwa 10 Minuten nach meiner Ankunft im Theater ging eine Mitarbeiterin herum und hängte neue Besetzungslisten über die bereits vorhandenen – diesmal ohne Leahs Namen…
Ich habe nicht herausgefunden, warum – hatten sie nur einfach noch nicht die Zettel der Nachmittagsvorstellung ausgetauscht? War Leah plötzlich und unerwartet erkrankt? Oder hatte sie schlich und ergreifen keine Lust vor einem nicht unbedingt ausverkauften Haus zu spielen? Fragen über Fragen, die nicht alle ernst gemeint waren, doch meine Laune erheblich drückten. Man könnte sagen, ich nahm das Theater dadurch noch etwas genauer unter die Lupe, als ich es ohnehin getan hätte.
Der erste Eindruck, der einem vermittelt wurde als man das haus betrat, war dieser: „Keine Stage Entertainment Produktion.“ Damit hängen sowohl gute, als auch schlechte Dinge zusammen. Zunächst natürlich die Preise – Garderobe, Getränke, Programmheft und die Karten selbst – alles spielte in einer Preislichen Liga, bei der man zum Glück nicht fünfmal nachdenken muss, bevor man das Portemonnaie zückt. Als Schüler in PK2 für etwas unter 50€ - das ist erträglich. Und das Programm wurde einem für 5€ so gut wie hinterher geworfen. Man erinnert sich in solchen Momenten an Produktionen wie „3 Musketiere“, wo man in Berlin für ein Programm etwa 15€ löhnen musste, oder auch an einen „Rent“ am Broadway, wo man $20 zahlte, dann aber gleich noch einen modisch höchst interessanten Sportbeutel dazu bekam…
Doch leider hat ein Konzern wie die SE auch seine guten Seiten – es gibt genug Geld um die Theater sorgfältigst renovieren zu lassen. Das Schillertheater scheint von Außen noch einladend, verbreitet im Außenbereich des Parketts allerdings schon einen anderen Eindruck. Der abgelaufene, terracottafarbene Teppich hat schon bessere Tage gesehen und die Wände könnten auch einen neuen Anstrich vertragen, wirkten kahl und kalt. Die Toiletten ließen leider an Schultoiletten denken – nicht unbedingt dreckig, aber wohl fühlen konnten man sich in jedem Kellerbereich sicher auch nicht. Schön gestalten war allerdings der Aufenthaltsbereich im Hochparkett. Allerdings schien sich bis etwa 30 Minuten vor der Vorstellung noch niemand dorthin verlaufen zu haben.
Der Innenraum wurde von einem meiner Begleiter recht passend und schlicht als „umgebautes Kino“ beschrieben. Ob darin Wahrheitsgehalt ist oder nicht, fest steht, dass die panelenartigen „Dinge“ an den Wänden einen recht ulkigen Kontrast zu den Miniaturkronleuchtern bildeten, die sich am Rand der Decke im Bereich des Hochparketts entlangzogen.
Bessere Tage hatte wohl auch die Soundtechnik bereits gesehen. Der Ton kam zum Großteil aus sechs großen Boxen, die allesamt vorne über der Bühne angebracht waren und an Aufbauten hingen, bei denen man wenigstens die abgenutzten Stellen einmal schwarz nachstreichen könnte…
Auf Grund der schlechten Verteilung der Boxen entstand denn auch kein wirklich plastischer Effekt des Tones. Musik und Lautstärke der Mikrofone standen auch in einem denkbar ungünstigen verhältnis, in das man sich nach ein paar Titeln jedoch eingehört hatte, etwa zu dem Zeitpunkt, als man auch Robin von Locksley und Lady Marian schließlich für das Publikum hörbar machte…
Wenigstens waren die Sitze bequem und obwohl nicht ideal verteilt (sie waren direkt hintereinander und nicht leicht versetzt), erlaubten sie doch guten blick auf die Bühne – zumindest solange die Menschen in den Reihen vor einem selbst mitspielten… Unglücklicherweise waren die meinigen nicht sehr kooperativ, sodass teilweise das Geschehen auf der Bühnenmitte mir völlig abhanden kam. Ein Stück steht und fällt nicht nur mit Darstellern und Crew, sondern auch mit dem Publikum. Das Weihnachtspublikum war entspannt – erwartet wurde Unterhaltung, und nicht großes Drama. Dementsprechend träge war jedoch auch insgesamt das Eintauchen der Menschen in das Stück. Ich persönlich werde wohl nicht mehr um die Weihnachtszeit ins >Musical gehen, doch das liegt nicht an den Darstellern, denn die hatten die Weihnachtsgans bereits wieder völlig verdaut und arbeiteten tadellos zusammen.
Noch ein paar kurze Worte zum Bühnenbild und Kostümen, bevor ich mich dem eigentlich Wichtigen widme – den Darstellern.
Viele Bühnenbilder braucht „Robin Hood – Für Liebe und Gerechtigkeit“ nicht: Ein Thronsaal, ein Wald mit einigen Baumhütten, eine Kirche, die Gemächer Lady Isabelles, die Ruinen von Locksley Castle, der Kerker. Obwohl insgesamt recht schlicht gehalten, erfüllten diese doch allemal ihren Zweck und gaben mitsamt den schönen, typisch mittelalterlich-schlichten Kostümen einen guten Rahmen für den bereits seit mehreren hundert Jahren bekannten Stoff.
Die Legende ist bekannt, wenn nicht aus Büchern, dann aus Filmen oder auch aus Walt Disney’s romantisierter Zeichentrickversion. Robin of Locksley kehrt nach dem 3. Kreuzug (um 1194) zurück in seine Heimat England, um von der Gefangennahme des Königs Richard Löwenherz zu berichten und den Forderungen nach 100000 Silbermark Lösegeld. Schon nach wenigen Minuten bei Hof hat er den Sheriff von Nottingham, den Bischof und Lady Isabelle, die Frau des Regenten John, Richards Bruders, gegen sich und muss als Geächteter fliehen mit einem jungen Gefangenen namens Jess fliehen. Dagegen kann auch Robins Geliebte aus jungen Jahren, Lady Marian, des Königs Cousine, nichts tun. Als Robin und Jess schließlich in den Sherwood Forrest gelangen, stellt sich heraus, dass Jess in Wahrheit ein Mädchen ist. Die beiden werden von Little John und seiner Bande gefunden und herausgefordert. In einem ausgeglichenen Duell, siegt Robin jedoch und die beiden werden von den „tollkühnen Rittern von Sherwood“ aufgenommen. Diese sind: der stumme Tim, dem, es die Sprache verschlug, als Lady Isabelle ihn beim Stehlen ihres Schmuckes erwischte, Archibald der Baumeister, der jedoch dazu neigt, die Dächer zu vergessen sowie der Poet Will Scarlett. Außerdem sind da noch der Koch Patrick und der Schmied Malcom. Letzterer hat den Sheriff verärgert, in dem er dessen prächtigen Fischfang in hundert kleine Streifen zerhackte. Nottingham war von Patricks Erfindung der Fischstäbchen nicht besonders angetan und verjagte die beiden.
Dies ist also das Team, das von nun an den Reichen nehmen und den Armen geben wird – bald stößt noch Bruder Tuck zu ihnen und Robin trifft in dessen Begleitung Lady Marian und ihrer Zofe Amelia wieder. Hitzkopf Robin glaubt jedoch nach einer Bemerkung Amelias, dass Marian Nottingham liebe und reagiert hitzköpfig. Dieser hat inzwischen einen Plan um Robin in die Falle zu locken – er greift Locksley Castle and und zerstört es. Im anschließenden Gefecht ersticht der Sheriff Jess, die – wie wir zuvor in einem Seitenhandlungsstrang erfahren – die seine und Lady Isabelles Tochter ist, was ihm jedoch nicht bekannt ist.
In Gefangenschaft geraten, verzweifelt Robin – doch nicht lange. Mit ein wenig Hilfe von Marian kann er fliehen – und kehrt kurz daraufhin zum Schloss zurück um die erzwungene Hochzeit des Sheriffs mit Marian zu verhindern, die der intrigante Bischof und Lady Isabelle in die Wege geleitet haben. Überflüssig zu sagen, dass dies gelingt und die Vermählung Robins und Marians abgehalten werden kann – doch nicht bevor nicht Richard Löwenherz persönlich den Brautführer spielen darf…
Der Stoff ist nicht neu und genauso wenig sind es viele der benutzten Witze, doch faszinierend ist die Legende um den adeligen Banditen Robin Hood immer wieder. Leider lässt man hier die interessante Anlage eines Handlungstranges um Jessica geradezu „verrecken“. Diese oberflächliche Behandlung hat diese Idee wirklich nicht verdient und genauso war es überflüssig, Jess als Finale des ersten Aktes sterben zu lassen. Der erste Akt war ganz klar vorbei, als… das letzte Lied des Aktes abgesungen war. (Im Übrigen vermisst man im Programmheft eine komplette Titelliste…). Der zweite Akt fing erneut recht träge an, steigerte sich jedoch immer mehr und erreichte seinen Höhepunkt in der schmissigen tänzerischen Zugabe. Die Tänze waren insgesamt nett angelegt und auch vom männlichen Ensemble in ihrer Rolle getanzt. Diejenigen, vor allem unter den Damen, die jedoch keinen einzelnen Charakter darstellten, wirkten mitunter etwas hölzern, als die zu den schmissigen Melodien das Tanzbein schwingen sollten.
Japheth Myers – Robin Hood
Es ergibt durchaus ein seltsames Bild, wenn Robin Hood ein abgebrochener Gartenzwerg ist und dann noch vor dem extrem männlichen Sheriff von Nottingham in einer typischen Tänzerpose (Gewicht nach vorne verlagert, fast auf den Zehenspitzen, immer bereit nach vorne zu fallen und dabei die Arme halbrund und Ellenbogen etwa 15cm vom Körpern entfernt „hängend“) steht, während er eigentlich bedrohlich sein soll. Kurz, erneut hat sich bestätigt, dass man nach einer Tanzausbildung im gewissen Maße geschädigt ist und manche einfach nicht mehr normal gehen können. Gesanglich war der gute Mann auch kein großes Licht und gab mit seinem leichten – leider nicht einmal niedlichen – Akzent ein ziemlich armseliges Schauspiel ab. Bis zum Schluss blieb die große Frage, unter welchen Drogen Marian stand, sich in diesen Waschlappen zu verlieben…
Paul Kribbe – Sheriff von Nottingham
Absolut perfekt dagegen die Darstellung Paul Kribbes. Schauspielerisch war er auf allerhöchstem Niveau und auch optisch mit seinem Bösewicht-Outfit allemal ein Hingucker – und an Marians Stelle hätte ich ihn jedenfalls ohne zu zögern geheiratet…
Auch gesanglich beeindruckte er in seinem Song „Abschaum“ mit facettenreichem Klang und grandioser Mimik. Das Publikum liebte ihn und nicht zurecht forderte er am Ende mehr Buhrufe für den Fiesling – die er auch bekam, mitsamt noch mehr Applaus.
Günter Kaufmann – Bruder Tuck
Das ein Mann wie er, der seit Jahren Theater und Fernsehen macht – und eben nicht Musical – nicht singen kann, dass verzeiche ich ihm gerne – aber dass er dann auch schauspielerisch nicht unbedingt begeistert, ist bedauerlich. Wenn es auch nicht schlecht war, so reichte seine Bühneleistung doch auch nicht übers Mittelmaß hinaus. Schade.
Christof Maria Kaiser – Bischof
Herrlich intrigant und schmierig hat er sich gegeben und bekommt damit mein Prädikat „empfehlenswert“.
Joeri Burger – Prinz John/Tim
In dieser Doppelrolle machte er eine denkbare gute Figur und brachte das Publikum mit beiden Facetten – dem dümmlich-naiven Prinzen und dem stummen Tim zum Lachen. Sehr interessant auch seine pantomimische Darstellung der Lady Marian
Rudi Reschke – Little John
Eine Bassstimme so tief, dass es einen schaudert, doch nicht im Schlechten. Den etwas kratzbürstigen, doch im Herzen guten Little John mimte er prächtig und avonsierte damit zu einem meiner Lieblinge des Abends.
Markus Dietz – Malcolm
Dem einen oder andren ist er vielleicht aus dem TV bekannt und aus der Sparte Komdie. Die unverkennbare Stimme des Markus Dietz setzte er als Malcolm vor allem ein um die geschriebenen Pointen herrlichen trocken und einer zu einem Schmied passenden Ruhe und Sturheit zum besten zu geben. Für diese Leistung gibt es trotz kleiner Nebenrolle ein Bienchen!
Chris Brewer – Archibald
Er gab einen verträumten und verschusselten Baumeister, der Sympathie erweckte – doch dessen Konstruktionen mein Vertrauen nicht erhalten würden. Gut!
Mathias Schiemann – Patrick
Der Koch der Die Fischstäbchen, die Pommes und nicht zu letzt den Döner erfunden hat – zum Kugeln! In seiner Art erinnerte er mich ein wenig an Dirk Bach an einem guten Tag – unbedarft und ein kleiner Wonneproppen – er hatte Lacher auf seiner Seite.
James de Groot – Will Scarlett
Mit einem Wort – knuffig! Der zierliche de Groot passte perfekt in die Rolle des Poeten und zauberte mit seinen beinahe hübschen Kurzgedichten durchaus ein Lippen auf meine Lippen. Wirklich gut!
Jessie Roggemann – Marian
Sie mag nicht Leah sein, doch sie war Marian. Sie wirkte echt, herzlich und tugendsam – ganz wie Marian eben sein muss. Sie hat sich auch redlich bemüht, ire Gefühle für Robin deutlich zu machen, doch auf Grund eines eher unzulänglciehn Partners, gelang das nur mäßig. Ihre Schuld ist das jedoch nicht. Gesanglich war sie süß und nett, aber ganz ohne irgendwelche charakteristischen Stimmmerkmale.
Sigalit Feig – Isabelle
Alles was Robin und eigentlich auch Marian an Charakter fehlt, findet sich in ihr. Ich habe selten eine so charakteristische Stimme und Sprache erlebt – doch die Rolle der Isabelle konnte ihr nicht gerecht werden. Richtig, die Rolle konnte ihr nicht gerecht werden, denn gerade musikalisch hat sie nicht unbedingt die schönsten Titel abgekriegt. Obwohl schauspielerisch faszinierend, war ihre Rolle vielleicht doch ein wenig zu nahe am Rande des Wahnsinns angelegt. Die Stimmungsschwankungen wirkten bei ihr doch etwas zu plötzlich und unbegründet. Sicher eine mögliche Interpretation, doch nicht meine erwünschte.
Barbara Raunegger – Amelia
Die patente Zofe, die sich nicht scheut selbst zu handeln – sehr gut gemacht. Stimmlich hat sie in ihrer Ballade „Sie kamen mit Wind“ zwar viel Gefühl gezeigt, doch stimmlich hat sie sicher noch Reserven.
Marny Bergerhoff – Jess
Mein Star des Abends, wenn auch bedauerlicherweise am Ende des ersten Aktes verstorben. Ihre Performance war live um so viele Lichtjahre besser als auf der CD – viel realer, emotionaler und einfach frecher. Ein richtiger Wildfang war sie und hat das stimmlich, schauspielerisch und auch tänzerisch phänomenal rübergebracht.
Im großen und ganzen ist „Robin Hood“ also ein unterhaltsames Musical, dass sehr von seinen Hauptdarstellern lebt, doch musikalisch nur bedingt etwas zu bieten hat. Im Ohr bleiben nur wenige Lieder, darunter „Die tollkühnen Ritter von Sherwood“ und „Sie kamen mit dem Wind“ sowie „Abschaum“ und „Das Ende der Legende“. Die Sympathien des Abends lagen denn auch eindeutig bei dem fiesen Sheriff von Nottingham alias einem umwerfenden Paul Kribbe und nicht bei einem Robin Hood, dem die klassische Ballettausbildung auch noch auch 10 Meilen Entfernung anzusehen ist…
Mein persönliches Fazit – gerne wieder, doch dann bitte mit einem starken Robin Hood, der in der Lage ist, die Sympathien auf sich zu ziehen. Unterhaltsam war der Abend allemal und im übrigen ist das Stück auch durchaus für musicalunbedarfte Menschen geeignet, da der Stoff so altbekannt (und vielleicht auch ausgelutscht?) ist und die Musik gerade zum Ende hin richtig gute Laune macht.

