So, da will ich doch mal was aktuelles zum Thread über mein momentanes Lieblingsmusical beisteuern. Habe grad die Hagener Inszenierung gesehen und kann nun meine frisch gewonnenen Eindrücke kundtun.
Zunächst einmal orientiert sich die Inszenierung - wie viele Produktionen des Stücks - stark an der Broadway-Version, was aus Gründen der Bequemlichkeit nachzuvollziehen ist, denn der große mobile Kubus der sowohl Mrs. Lovett´s Pastetenbäckerei als auch Sweeney´s Barbiersalon gleichzeitig darstellt ist halt überaus praktisch. Das Bühnenbild hingegen ist um einiges düsterer geraten, verschachtelte Ziegelsteingassen, permanente Nacht, überhaupt alles sehr detailverliebt und akzentuiert, ich fand es dem Stück sehr angemessen, hat mir gut gefallen. Mein Hauptkritikpunkt: Arge Tempoprobleme. Klingt nach einer abgedroschenen FLoskel, ist hier aber absolut zutreffend. Nicht nur dass die Songs teilweise sehr viel langsamer gespielt wurden als nötig, ( "A Little Priest" oder dt. "Nehmt ein Stück Prälat" hätte gerne etwas flotter sein dürfen, um nur ein Beispiel zu nennen), auch gewisse Dialogpassagen wurden in die Länge gezogen obwohl sie eigentlich schneller besser gezündet hätten. Spürbar wurde das auch gerade gegen Ende des 2. Aktes, wo sich die Lage ja dramatisch zuspitzt und eine gewisse Dringlichkeit und Hektik spürbar sein soltle die ich hier eindeutig vermisst habe. Wo wir gerade beim "Prälat" waren: Die deutsche Übersetzung hat ihre Höhepunkte, lässt aber doch in einigem zu wünschen übrig, die Textverständlichkeit war auch nicht imemr gegeben, aber beides ist für mich nicht wirklich ein Kritikpunkt da es damit zu entschuldigen ist, dass es sich eben um sehr schwieriges Material handelt, das für Sänger richtig rüberzubringen einiges erfordert, und eine gute Übersetzung zu schreiben ist bei so sprachverhaftetem Wortwitz fast unmöglich. Gehen wir lieber zu den Darstellern über. Ich weiß nicht woran es lag aber sie wirkten doch fast alle recht blass (und damit meine ich nicht nur das Make-up^^). Richter Turpin und der Büttel brachten nichts allzu neues in die Rollen, haben ihre Sache aber absolut zufriedenstellend gemacht. Pirelli´s AKzent hätte etwas italienischer klingen dürfen, aber er spielt ja immerhin eine Figur, die nur vorgibt Italiener zu sein, von daher setz ich das einfach mal unter "acting choice"^^ Davon abgesehen wusste er durchaus zu überzeugen. Die Bettlerin war nicht ansatzweise durchgeknallt genug, wenn man darüber hinwegsieht aber sehr überzeugend, eine der Geheimfavoriten. Johanna hatte eine sehr schöne Stimem und allzu viel mehr ist aus dem Part nicht herauszuholen, dasselbe gilt für den schnuckeligen Anthony. Toby hat mich nicht so recht überzeugt, war aber auch einfach zu alt für die Rolle und es fehlte ihm irgendwie an Präsenz. Daran wiederum mangelte es Sweeney nicht im geringsten, aber irgendwie wusste er damit nict so recht etwas anzufangen. Das rollende r beim Singen war ein Verfremdungseffekt der bei einem Hauptdarsteller dessen Entwicklung nachvollziehbar sein sollte doch etwas mehr ablenkte als man vllt vorher denken soltle. Sowohl schauspielerisch als auch stimmlich top, fehlte es ihm insgesamt doch etwas an Kraft und Wildheit. Dennoch eine gelungene Besetzung. AN der Mrs. Lovett steht und fällt eine Sweeney-Inszenierung natprlich, und diese hier war ein absolutes Highlight. Sie wusste die Leute gekonnt auch mit Kleinigkeiten zum Lachen zu bringen, und den einen oder anderen Versprecher oder verpassten Einsatz (der auch bei den anderen vorkam - sowas ist halt live) sieht man ihr da absolut nach. Das Orchester, abgesehen wie gesagt vom Tempo, überschallte stellenweise den Text etwas, aber bei einem so großartigen Klangkörper kann ich einfach nicht böse sein. Wirklich erste Sahne. Das Hau war fast voll, aufgestanden wurde beim Schlussapplaus leider nur extrem vereinzelt, trotzdem brachte man es auf 5 Vorhänge. Als die Lichter begannen, wieder anzugehen und alle Leute sich bereits erhoben haben um in Richtung Ausgang zu gehen, ging der Vorhang dann doch nochmal hoch und die Leute bleiben stehen und applaudierten ein letztes mal - auch eine Möglichkeit, ein Publikum zu standing ovations zu bewegen

(die in diesem Falle aber absolut angebracht waren). Als jemanden der den FIlm 5-mal im Kino gesehen hat (offen gesagt verstehe ich die grobe Kritik nie - es ist etwas völlig anderes geworden als die Bühnenshow und das war auch so gedacht und meines Erachtens ist es sehr gut gelungen) und der sich selbst durchaus als Kenner der SHow bezeichnet (wenn ich auch nicht auswendig jede ehemlaige SPielstätte mit entsprechenden Besetzungen kenne^^) war es ein Erlebnis, diese SHow live zu sehen. Hagen hat da etwas durchaus sehens- und hörenwertes auf die Beine gestellt, dass ich jedem Freund des anspruchsvollen Musicals nur ans Herz legen kann (wobei ich glaub dass es nur noch einmal da zu sehen ist - da kommt dieser Bericht vermutlich etwas zu spät, naja, schreiben wollte ich ihn trotzdem

)
You are young, life has been kind to you. You will learn...