Bericht The Pirate Queen
Sonntag, 10. Juni 2007; 15.00
Hilton Theatre, New York City
Orchestra, Row H, Seat 110
Es macht einen doch ein wenig stutzig, wenn man am Tag der Show zur Theaterkasse geht und seine Tickets abholen möchte und einem angeboten wird – “Wir können Sie gerne noch umbuchen. Dann säßen Sie etwas weiter hinten, aber mittig.“ Das Angebot haben wir natürlich gerne angenommen, doch leider dann keine ordentlichen Tickets mehr bekommen, sondern nur einen Zettel… Daher ist es etwas schwer zu rekonstruieren, wo genau ich gesessen habe – zudem ärgert es mich natürlich, dass ich jetzt kein Ticket für meine Sammlung habe, aber nun gut. Die Plätze waren definitiv besser. Das so eine Umbuchung jedoch möglich ist, zeigt schon, dass The Pirate Queen nicht gerade mit Besucherstürmen gesegnet war. Ich kann mich wohl glücklich schätzen, das Stück überhaupt noch gesehen zu haben, denn genau eine Woche später, am 17. Juni 2006 hatte The Pirate Queen die letzte offizielle Show am Broadway. Tragisch, aber verständlich – warum wird sich im Verlaufe dieses Berichts zeigen.
Worum geht es in The Pirate Queen? Das Stück basiert auf dem Roman „Grania – She King of the Irish Seas“ (der Titel lautet genau so, keine Tippfehler) von Morgan Llywelyn. Es ist die Geschichte von Grace O’Malley, des einzigen Kindes von Dubhdara O’Malley, dem Häuptling im Gebiet von Umhall an der Westküste Irlands. Sie sind ein Clan, der zur See fährt und Grace will von klein auf mit, sie will Kapitän eines Bootes werden. Doch die Sitten der damaligen Zeit (um 1550) lassen das nicht zu. Zu Begin ist es weniger die Geschichte einer Frau, die ihr Volk befreien wird, als vielmehr eine seichte Liebesgeschichte. Grace liebt Tiernan, einen Mann aus ihrem Clan, und Tiernan liebt Grace. Doch das Happy End gleich zu Begin des Stückes kann natürlich nicht klappen. Aus politischen Gründen soll Grace den Sohn eines anderen Häuptlings heiraten, um so ihre beiden Stämme im Kampf gegen England zu verbünden. Schweren Herzens willigt Grace um ihres Volkes willen ein, den ihr unsympathischen Donal O’Flaherty zu heiraten. Hier gibt es eine Szene in einem Pub des O’Flaherty Clans mit dem einzigen Song, der am Ende im Ohr hängen bleibt – „Boys’ll be Boys“. Ansonsten ist die Musik mehr als fade und auch die besten der Balladen gehen zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder heraus. Donal ist ein Ekel, wie er im Buche steht und er hat es noch nicht einmal auf Graces Schönheit abgesehen, sondern nur auf den Rang als Häuptling des O’Malley Clans. Doch als Dubhdara im Sterben liegt, gibt er seinen Ring nicht an Donal weiter, sondern an seine Tochter, macht sie so zum Häuptling des Stammes in einer Zeit, wo dies undenkbar war. Zur gleichen Zeit ist in England Elizabeth an der Macht. Sie will Irland und das um jeden Preis. Die Geschichten, die sie vom Aufstand erreichen und von jener Grania – dem weiblichen Kapitän des Schiffes The Pirate Queen – erstaunen sie und machen sie doch wütend. Sie hasst und bewundert Grace zugleich, die frei ist wo sie selbst eingesperrt ist durch die königlichen Pflichten. Sie schickt ihren Kriegsminister Bingham aus, Irland zu erobern und macht ihm Hoffnung, dass er danach in ihrer Gunst steigen könne. Durch einen Trick lockt er alle Männer aus dem Dorf, die Frauen des O’Flaherty Clans bleiben zurück. Darunter auch Grace, auf die es Bingham eigentlich abgesehen hat. Doch sie durchschaut den Plan und erklärt den Frauen, was zu tun ist. Bingham und seine Soldaten werden von den Frauen überlistet, die nun alles tun, was Grace sagt. Als diese später ihren Sohn Eoin gebiert, auf einem Schiff im Angriff, benimmt sich Donal erneut wie ein Feigling und sie löst die Eheverbindung auf. Die Männer auf dem Schiff stehen zu ihrer Grania, nicht zu Donal. Tiernan und Grace finden nach all den jahren wieder zu einander. Doch Donal verbündet sich mit den Engländern und bei der Taufe seines Sohnes erscheint er – mit dem scheinbaren Plan nur ein Blick auf sein Kind werfen zu wollen. Die England überfallen das Fest und nehmen Grace gefangen. Irland versinkt im Chaos. Jahre später kommt Donal nach England mit der Bitte Grace gegen ihn selbst zu tauschen um sie mit ihrem Sohn wiederzuvereinigen. Bingham will ihn schon fortschicken, doch Queen Elizabeth hat die Unterhaltung mit angehört und gibt der Bitte statt. Grace kehrt nach Irland zurück um ihrem Volk zu helfen. Doch schließlich sieht sie nur einen Ausweg – ein Gespräch mit der Königin. Diese ist aufgebracht als sie Grace sieht – hatte sie ihr nicht die Freiheit geschenkt, damit sie mit ihrem Kind zusammen sein könne? Doch die beiden unterhalten sich, unter 4 Augen und Ohren, und kommen zu einer Einigung über das Schicksal Irlands. Was Bingham in Jahren nicht erreicht hat, haben beide Frauen in wenigen Stunden gelöst…
Die Story hat gute Anlagen, doch die Umsetzung ist meiner Meinung nach nur mangelhaft erfolgt. Zunächst ist die Romanze völlig durchsichtig, dann nimmt die Geschichte ein wenig Fahrt auf und weckt Interesse, bis sie schließlich wieder ins unbedeutende abdriftet und man sich fragt, warum man sich dies eigentlich antut. Doch neben der Geschichte gibt es ja noch viele andere Elemente, die eine gelungene Produktion ausmachen können.
Zunächst muss ich mit dem Bühnenbild (Eugene lee) beginnen, oder dem Fehlen des selbigen… In der ersten Szene besteht das gesamte Bühnenbild aus dem Steuerrad eines Schiffes und ein paar Lichtprojektionen… Ich habe ehrlich gedacht das ist ein Scherz. Das Stück wurde angepriesen, als könne es genauso schön opulent ausgestattet sein wie ein zweites Les Miserables, doch Pustekuchen. Es gab dann zwar später auch mal etwas mehr Kulisse als nur das, doch insgesamt fand ich das Bühnenbild sehr mager.
Um nicht nur herum zu meckern, möchte ich auch den – beinahe einzig – guten Teil des Abends erwähnen: den Irischen Tanz. Die Tänzer sowie die Choreographien haben mich begeistert. Sie wirkten auf den Festen zu wundervoll natürlich und an anderen Stellen grandios inszeniert. Man sieht, dass hier RIVERDANCE am Werk war.
Auch die Kostüme (Martin Pakledinaz) waren mit Liebe zum Detail gemacht und passten sehr gut in die Zeit und die Handlung. An dem ganzen Stück, war dies der einzige Teil, der an Les Miserables erinnerte und sich auch damit messen konnte.
Kommen wir nun zu den Darstellern. Zusammenfassend sei gesagt, dass sie sich alle bemüht haben, doch sie hatten vielerorts einfach keine Chance ihren flachen Charakteren auch nur ein wenig Tiefe zu verleihen, oder sie scheiterten auf Grund ihrer Fähigkeiten daran.
Stephanie J. Block – Grace „Grania” O’Malley
Viele haben sie gelobt für ihre einfühlsame Performance und schöne Stimme… Ganz ehrlich, ich war nicht von ihr überzeugt. Mir fehlte das Besondere in der Stimme, der Kick. Das kann an ihr liegen oder an den Liedern, ich vermag es nicht zu sagen. Ihr Spiel war jedoch im Rahmen der Möglichkeiten durchaus nicht schlecht.
Hadley Fraser – Tiernan
Er hat mir sehr gut gefallen, als eine der wenigen schönen Stimmen des Abends und als ein toller Schauspieler. Natürlich hatte er auch den Vorteil, das seine Rolle mit unglaublicher Sympathie belastet ist, doch selbst ohne das macht er seine Sache wirklich gut. Ein Kompliment hier.
Jeff McCarthy – Dubhdara
Er stirbt schon früh im Stück, war leider jedoch auch später im Ensemble noch leicht ausgemacht. Sein sehr markantes Gesicht hat also Vor- und Nachteile. Insgesamt hat er seine Sache gut gemacht, nicht herausragend, aber gut.
Àine Uí Cheallaigh – Evleen
Ich habe nicht die leiste Ahnung wie man ihren Namen ausspricht, noch wer ihre Rolle eigentlich war. Meine Eltern tippen auf die Mutter von Grace, was ich für unwahrscheinlich halte. Ich denke Evleen ist einfach nur die Stammesälteste. In jedem Fall muss ich hier das aller aller größte Lob des ganzen Abends ausprechen – ihre Irischen Gesänge waren einfach nur wudnervoll und ihre Stimme ist grandios. Sicher, sie ist auch in traditionellem Irischen Gesang ausgebildet, aber das allein macht einen noch nicht so gut. Ich war hin und weg von ihr!
Linda Balgord – Queen Elizabeth I
Es gnade mir Gott… Ihr Stimme war einfach unerträglich, würde besser in eine Oper passen. Da geht man ja schon davon aus, dass man den Text nicht versteht, wohin gegen ich im Musical durchaus erwarte, zu verstehen was gesungen wird. Aber nicht nur war sie nicht zu verstehen, die Stimme war auch viel zu schrill, flach und unangenehm. Das Spiel zu steif, man hat ihr die paar Emotionen, die sie gezeigt hat, nicht abgenommen. Zudem wirkte sie zu alt… Ich war schrecklich enttäuscht, wo doch diese Rolle so wundervoll den Kontrast zwischen Pflicht und Wünschen darstellen könnte…
William Youmans – Sir Richard Bingham
Ein Bösewicht? Weit gefehlt, eine Witzfigur… Youmans schafft es nicht seiner Figur auch nur das kleinste bisschen Tiefgang zu verleihen. Bingham hangelt sich als Figur durchs Stück, mit der man einfach nichts anfangen kann. Er ist nicht gewitzt, er ist nicht böse oder intrigant, er ist nicht bezaubernd auf irgendeine Weise. Man will am Ende nur wissen, was er eigentlich die ganze Zeit versucht hat darzustellen…
Marcus Chait – Donal O’Flaherty
Nun, hier ist ein schmieriger Kerl, wie er gebraucht wird. Er leistet wirklich gute Arbeit den Feigling und Nichtsnutz Donal mit all seinen Schwächen und von allen Seiten zu inszenieren. Gut gemacht.
Joseph Mahowald – Chieftain O’Flaherty
Klein Rolle ohne Besonderheiten.
Brooke Elliott – Majella
Ich glaube, das ist die Amme. Wenn ja, dann hat sie die kleine Rolle ganz gut ausgefüllt.
Christopher Grey Misa – Eoin
Er hatte nicht wirklich irgendetwas zu tun…
Also alles in allem – es gibt Gründe, warum The Pirate Queen nach so kurzer Spielzeit bereits wieder das Zeitliche gesegnet hat… Ob mit anderer Austattung und anderen Darstellern das ganze anders abgelaufen wäre, vermag ich nicht zu sagen. Die Zukunft wird zeigen, ob The Pirate Queen eingemottet wird, oder noch eine zweite Chance irgendwo anders erhält…


