Eine einsamer Bahnhof in einer stürmischen Sommernacht auf dem Land des viktorianischen Englands. Die Telefondrähte surren im Sturm. Walter Hartright - ein junger Mann aus London - taucht orientierungslos aus dem Dunkel auf mitsamt Gepäck. Sein Zug blieb im Sturm auf der Strecke stehen und nun sucht er den Weg zum Landsitz Limmerick House, wo er einen Job als Privat-Zeichenlehrer für zwei Schwestern antreten möchte. Der Signalwärter im verwaisten Bahnhofsgebäude erschrickt, als er Walter sieht. Er erzählt im von einer düsteren Vision, die er die Nacht zuvor träumte: Ein Fremder würde in einem Jahr an diesem Ort erscheinen und den Tod auf den Gleisen finden. Ein Fremder wie Walter Hartright. Noch bevor Walter die dunkle Prophezeiung verarbeiten kann, hat er eine nächste unheimliche Begegnung: eine Frauengestalt, gänzlich in Weiss gekleidet, erscheint vor Walter. Sie wirkt verängstigt und durcheinander. Sie erzählt Walter von einem Geheimnis, das über Limmerick House liegt und das sie verfolgt wird, von bösen Menschen, die verhindern wollen, das sie ihr Geheimnis verrät. Als eine Pferdekutsche naht, um Walter abzuholen, ergreift sie die Flucht. Niemand hat sie noch gesehen, ausser Walter Hartright. Ein Geist? Eine Einbildung? Walter schauderts.
Derart unheimlich unheimlich beginnt der Prolog des neusten Werks von Andrew Lloyd Webber "The Woman in White". Ich habe mir die teure Doppel-CD zugelegt und mich am Wochenende in eine fremde, düstere Welt entführen lassen. In die durchkomponierte Geschichte eines viktorianischen Kriminalromans von Wilkie Collins. Um es vorab schon zu sagen: "The Woman in White" hat mich begeistert! Die Partitur ist rund, vom unheimlichen Beginn bis zum dramatischen Finale. Webber gelingt es mit seiner Musik eine besondere Atmosphäre zu schaffen, die einen gefangen nimmt vom ersten Surren der Telefondrähte bis zum Schlussakkord. Voraussetzung ist allerdings, das man sich auf das Werk einlässt, das Libretto mitliest und unter einem gelungenen Musical nicht versteht, wie viel Hits und Ohrwürmer aneinandergereiht werden. Denn eines muss der Käufer der CD wissen: "The Woman in White" enthält wenig radiotaugliche Gassenhauer. Das Liebesduett zwischen Walter und Laura "I believe your Heart" ist vielleicht der einzige Song, der beim spontanen Hören hängen bleibt. Trotzdem ist das Album melodiös und entfaltet seine Wirkung erst nach mehrmaligen Hören. Mir brummten nach dem zweiten Durchhören zahlreiche Melodien im Kopf und seit einigen Tagen summt bei mir oben nur noch "The Woman in White". Webber setzt die Musik in diesem Stück nicht ein, um Hits zu produzieren, sondern um die Handlung zu erzählen, um Gefühle auszudrücken, Bedrohung und Atmosphäre in Tönen zu erzählen. Ich finde, das ist ihm sehr gut gelungen. "The Woman in White" ist im Grunde eine vertonte Kriminalstory, spannend und etwas unheimlich erzählt. Allerdings im Vergleich zu Events wie "Phantom der Oper" oder "Sunset Boulevard" kommt "The Woman in White" sehr leise und unspektakulär daher. Es gibt keinen Kronleuchter der ins Publikum fällt und wenig Ensemble-Nummern. Das Ganze ist eher ein Kammerspiel, am ehesten vergleichbar mit "Aspects of Love". Immer wieder fühlte ich mich bei den Melodien aber auch an "Whistle down the Wind" erinnert oder bei den dramatischen Momenten an "Sunset Boulevard".
Die Story lässt sich gut in vier Teile zerlegen. Im ersten Teil des ersten Aktes stehen die Gefühle der drei Hauptprotagonisten im Vordergrund. Walter Hartright lernt die beiden Schwestern kennen: Laura, eine junge, blonde Schönheit und ihre ältere Halbschwester Marian. In drei wunderbar-romantischen Songs, die ineinander übergehen und im Hitsong "I believe your Heard" enden, werden die unausgesprochenen Gefühle der Menage a Trois erzählt. Beide Frauen vergucken sich in den attraktiven jungen Mann. Walter verliebt sich in Laura, Marian ist unglücklich verliebt und eifersüchtig. Sie klärt Walter darüber auf, das Laura nicht mehr zu haben ist: ihr verstorbener Vater hat sie einem englischen Edelmann versprochen: Sir Percival Glyde.
Im zweiten Teil des ersten Aktes wird nun erzählt, wie Laura ihre Liebe Walter aufgeben muss, um Sir Percival Glyde zu heiraten. Der italienische Graf Fosco (Michael Crawford) als Geschäftspartner von Sir Glyde tritt auf. Die Frau in Weiß erscheint Walter abermals. Sie ist kein Geist sondern Ann Catherick. Einst lebte sie auch auf Limmerick House, bis sie ein Mensch namens Percival Glyde missbrauchte und in eine Irrenhaus einwies. Walter will Laura nach dieser Information von der Hochzeit abhalten, doch ihre Halbschwester Marian sorgt dafür, das Laura den Wunsch des Vaters erfüllt und Walter nach London verschwindet. Schon bald müssen die beiden Schwestern erkennen, das Sir Glyde ein gewalttätiger Mann ist, der es nur auf das Geld von Laura abgesehen hat. Und Graf Fosco scheint gemeinsame Sache mit ihm zu machen. Laura und Marian müssen erkennen, das sie diesen beiden Männern hilflos ausgeliefert sind. Sie erhoffen sich Hilfe von der "Woman in White", die ein Geheimnis verbirgt, das mit Sir Glyde zusammenhängt. Also treffen sie Ann Catherick auf dem Graveyard. Laura erkennt, das Ann genauso aussieht wie sie selbst. Doch bevor Ann den beiden Frauen das Geheimnis verraten kann, tauchen Fosco und Glyde auf, spritzen der aufgeregten und schreienden Ann eine Beruhigungsspritze und schicken sie zurück in die Anstalt. Damit endet der erste Akt.
Der dritte Teil der Story erzählt im zweiten Akt. Wie Marian und Laura versuchen, sich von den beiden Männern zu befreien. In einer gruseligen Gewitternacht belauscht Marian die beiden, wie sie ihre finsteren Pläne besprechen. Doch die Lage erscheint hoffnungslos: Fosco abreicht Marian ein Schlafmittel, worauf sie in schlimmste Alpträume fällt. Am nächsten Morgen erzählt ihr der Graf, das ihre Schwester Laura tot sei - angeblich beim Schlafwandeln die Treppe heruntergestürzt. Marian ahnt: die beiden Männer haben ihre Schwester ermordet. Der einzige, der ihr helfen könnte und zu dem sie Vertrauen hat, ist Walter Hartright. Sie macht sich auf den Weg nach London, um den jungen Mann zu suchen.
Der vierte Teil erzählt, wie Marian Walter in London aufspürt und ihn gewinnen kann, Fosco und Glyde zu überführen. Marian begibt sich in die Höhle des Löwens: in Count Foscos Londoner House will sie an die Dokumente gelangen, die den Aufenthaltsort von Ann Catherick verraten. Die geheimnisvolle Frau in Weiss scheint der Schlüssel zu sein, die mehr über Percival Glyde weiss. Walter und Marian finden Ann Catherick schließlich im Irrenhaus. Wird sie ihr Geheimnis verraten? Kann dem skrupellosen Glyde das Handwerk gelegt werden? Gibt es ein Happy End? Die letztere Frage soll hier mit Ja! Beantwortet werden. Ansonsten sei aber nicht mehr verraten, weil das die Spannung an dieser Story nimmt. Jedenfalls gibt's am Ende eine Überraschung, sowie im Finale einen Schock-Effekt, der auch akustisch zu überzeugen mag.
Alles in allem ist "The Woman in White" eine atmosphärisch dichte, eine reife und sehr gelungene Komposition. Ich halte sie eines der besten Werke von Lloyd-Webber und würde mir sehr wünschen, das Stück in Deutschland sehen zu können.
Wer aber "Aspects of Love" nicht mochte und nicht bereit ist, sich auf die Geschichte einzulassen, wer Hits erwartet, die einem nach erstmaligen Hören nicht aus dem Ohr gehen - der wird von dieser CD enttäuscht. "The Woman in White" eignet sich nicht fürs Nebenbeihören, als Hintergrundberieselung. Sie eignet sich eher, als Hörbuch oder als akustischer Kinofilm.
Doch wer ein Musikdrama mit einer Hitshow verwechselt ist sowieso kein echter Musical-Fan...


