von mistoline » 13.01.2007, 04:44
Das hatte ich schonmal woanders geschrieben, aber da wird es wohl niemand lesen, ausserdem ist dieser Artikel die erweiterte Fassung:
Ich hatte das Vergnügen (?) die Aufführung in der Jahrhunderhallen in Frankfurt sehen zu dürfen. Man sollte gar nicht erst beginnen, warum das Stück keine 60 Euro Kartenpreis wert ist - aber sicher einer der Hauptpunkte war, dass man mit diesem Preis eine Künstlerin bezahlte, die zu alt für eine Rolle ist, die sie nicht einmal ordentlich spielen kann - und das ganze Musical darauf ausgelegt zu sein schein, diese Künstlerin zu promoten. Ich fühlte mich vage an die Verfilmung von "Die Geisha" erinnert, in der eine Chinesin die Hauptrolle spielt, die nicht einmal der Beschreibung der japanischen Geisha nahe kommt - aber "macht ja nichts, die Dame ist ja berühmt".
Was mir wirklich gefallen hat, war das Bühnenbild mit Projektionen auf einer Leinwand und einer großen Treppe, die je nach Drehung verschiedenartig genutzt werden kann. Ausserdem haben die beiden Ersatzschauspieler, die kurzfristig eingesprungen waren, mehr als ganze Arbeit geleistet. Neben den beiden "Ballettmädchen" und dem Phantom waren sie die beste Besetzung des ganzen Stücks. Über die fehlende Tiefe der Charaktere und das schleppende Tempo des Gesamtschauspiels will ich nicht ausführlich berichten. Überzeugend war die schauspielerische Leistung auch nicht - Raoul abzunehmen, dass er in Christine verliebt ist, blieb der eigenen Imagination vorbehalten. Selbst der Cellist des Frankfurter Ensembles hätte sich mehr in sein Schwanensolo vertiefen können, damit es nicht ganz so abgehackt klingt. Da es aber ohnehin unverständlich ist, was Camille Saint-Saens' "Der Schwan" aus dem Karneval der Tiere mit einem Friedhof zu tun hat, sei darüber hinweg gesehen.
Eins muss man dem Ensemble lassen: Singen kann es - und hier und da fand man auch einige echt gute Ideen. Das Stück selbst war einigermaßen hübsch und amüsant, aber insgesamt doch eher zweitklassig. 60 Euro war es ganz sicher nicht wert - denn das war wohl hauptsächlich die Bezahlung für ein paar nette Kostüme (nicht alle Kostüme) und den Namen einer Künstlerin, ohne die das Stück vermutlich doch etwas besser gewesen wäre (man hätte sich dann vermutlich mehr auf die Geschichte und die Charakterausarbeitung konzentriert). Für Deborah Sasson Fans ist dies sicher ein leckerer Kuchen - für Freunde von Musicals und dem Phantom der Oper von Gaston Leroux ist es allerdings eher enttäuschend.
Dass ich sicher nicht die einzige mit dieser Meinung war zeigt sich schon darin, dass das Phantom beim "Curtain Call" mit euphorischen Rufen und Klatschen bedacht wurde, man sich bei Deborah Sasson aber lediglich auf höfliches Klatschen für die Hauptdarstellerin reduzierte.
Am Ende wurde man dann noch mit "Christina Daée" (Deborah Sasson) in der Rolle der "Carmen" bedacht - was weder ins Stück, noch zur Rolle passte - aber es musste wohl *noch* ein Solo mit der Diva des Stückes geben. Letztendlich passte diese Ende nur zu der von Sasson gespielten Christine Daée, bei der man sich sehr stark an die Darstellung der Carlotta im Ursprungsroman erinnert fühlte. Das schüchterne, bescheidene, junge und unschuldige Mädchen, das Christine Daée eigentlich sein sollte, hat man auf der Bühne nicht finden können.
Man sollte vielleicht noch diejenigen warnen, die viel von gelungener Poesie und begeisternden Texten halten. Auch diese Menschen werden nicht auf ihre Kosten kommen. "Wir sind reich, wie ein Scheich..." Sicher ist das in Paris im 19. Jahrhundert kein absolut unmöglicher Text jedoch trotzdem unpassend und schlechte Poesie. "Reim dich, oder ich schlag dich" wäre ein Motto für die Texterei gewesen, die dem Zuhörer neben Original-Arien in Italienisch und Französisch zu Ohren kamen.
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In Kurzfassung hier noch ein paar weitere Dinge, die mir bei der Aufführung aufgefallen sind
* "Der Perser" spricht zwar mit französischem Akzent, verliert ihn aber beim Singen.
* Die Rolle des Phantoms schien mehr wie eine Nebenrolle. Im ersten Akt war es kaum zu sehen und im zweiten Akt starb es wohl nach etwas mehr als der Hälfte (seit wann stirbt das Phantom?). Schade, da die Besetzung eine der wenigen brauchbaren Schauspieler des Stückes enthielt.
* Das Phantom, das nach Leroux Beschreibung Christine zwar einsperrte, sie aber wohl mehr wie eine Königin betrachtete, fesselte Christine ans Bett, was meiner Meinung nach überhaupt nicht zum Charakter passte.
* Trotz gutem Schauspieler war die Charakterisierung des Phantoms so flach, dass es im Grunde nur böse war und ein wenig nach Liebe weinte - richtige Sympathien konnte es nicht erwecken.
* Das Kostüm "Der Tod" bestand hauptsächlich aus einer Jacke mit den Worten "DER TOD" auf dem Rücken (in roter Schrift) aufgenäht - und wurde vom Phantom auch ausserhalb des Maskenballs getragen, egal wie unpassend. Das Kostüm sah eher billig als kreativ aus und machte teilweise eine Szene zunichte, in der das Phantom Christine um ihre Liebe anfleht.
* Madame Sorelli, die ja eigentlich ein Verbindungsglied zum Phantom darstellt, hat das Phantom laut aussage nie getroffen und glaubt wohl auch nicht daran.
* Der Suchtrupp nach dem Phantom verirrt sich unterwegs und gibt die Suche dann auf (wobei sie "Taktii(e)k" auf "Musik" reimen) und sucht auch nicht weiter danach (aber es ist ja eh tot umgefallen).
* Es gab zwar Kerzen und Kerzenhalter auf der Bühne, dadurch, dass sie aber nie angezündet wurden, wirkte ihre Anwesenheit so flach wie die Schauspielerische Leistung.
* Duette gab es kaum - manchmal ein paar Zeilen oder ein-zwei Strophen, dafür durfte Deborah Sasson aber jede Menge Arien singen (direkt aus den Open genommen), die sich teilweise recht in die Länge zogen und meist in Italienisch (oder Französisch) waren.
* Bei einer der Liebeserklärungen von Raoul zu Christine waren nicht weniger als zwei Stühle, ein Tisch, eine Person (Madame Sorelli) und mindestens sechs Meter zwischen den beiden.
* Jeder 'Kuss' war so offensichtlich eine als Kuss getarnte Umarmung und alles andere als überzeugend.
* Carlotta hat nicht gequakt, als das Phantom ihre Stimme 'verhexte', sie hat auf vulgärste Weise gerülpst. Ob das lustig sein sollte weiss ich nicht.
* Einer der neuen Direktoren griff Madame Sorelli (wer die Geschichte kennt weiss dass sie eine eher konservative Witwe ist) an den Hintern und sie fiepst wie ein Schulmädchen.
Also ich weiss nicht... so einiges in diesem Stück ist schon schwer daneben gegangen. Ich weiss, ich beschwere mich hier nur, aber man kann es nur so ausdrücken: Es war ein nettes, einfaches Stück zur Unterhaltung, aber es als 60-Euro Theaterstück zu verkaufen ist eigentlich eine Frechheit. Wäre es noch ein bisschen schlechter gewesen, hätte ich versucht mein Geld zurück zu bekommen. Wir waren zu viert da, was uns etwa 240 Euro gekostet hat. Geboten wurde uns ein flaches Stück, eine schlecht-spielende Diva/Ensemble und ein bisschen was zum Amüsieren (eben weil es manchmal so schlecht war). Das Geld war es auf jeden Fall nicht wert.