So ich bin wieder zu Hause. Ich war in der letzten Woche in Wien und bei den ersten zwei regulären Vorstellungen von Elisabeth in Stuttgart. Und bin noch total begeistert. Schließlich ist Elisabeth mein Lieblingsmusical. Obwohl mich auch einige Kleinigkeiten mächtig geärgert haben.
Ich kann mich nicht ganz davon freisprechen, dass ich Stuttgart mit Essen und Wien vergleiche. Das gilt nicht nur für die Inszenierung, sondern auch auch für die Besetzung. Ich habe das Stück jeweils über 10 Mal in Wien (1996/98 und 2003/04/05) und Essen gesehen. Weder bin ich ein absoluter Anhänger die Wiener noch der Essener Inszenierung.
Zuletzt habe ich Elisabeth in Wien vor einer Woche in einer sehr enttäuschenden Besetzung (Elisabeth: Nadine Hammer, Tod: Máté Kamarás, Lucheni: Fernand Delosch, Rudolf: Attila Serbán) gesehen. Dort hatte ich das Gefühl, dass das Stück nur noch ohne viel Engagement irgendwie über die Runden gebracht werden muss. Sowohl bei der Elisabeth als auch bei Lucheni haben mir die herausragenden schauspielerischen Akzente gefehlt. Und mit Máté Kamarás als Tod konnte ich mich noch nie anfreunden. Hier ist und bleibt Uwe Kröger mein absoluter Favorit.
Mein größter Kritikpunkt an der Inszenierung von Elisabeth in Stuttgart ist die Regieleistung von Dennis Callahan. Er war bisher immer ein guter Choreograf, z. B. bei Elisabeth in Wien und Essen, sowie bei Mozart! oder Tanz der Vampire. Dann waren aber auch erfahrene Regisseure am Werk.
In Stuttgart hat er nun versucht vieles von Wien in die Inszenierung von Scheveningen bzw. Essen zu pressen. Obwohl ihm dazu einfach die Requisiten fehlen. Vielleicht ist es mir deshalb aufgefallen, weil ich beide Inszenierungen innerhalb von 10 Tagen gesehen habe.
Er will choreografische statt dramaturgische Akzente setzen. Viele Änderungen in Stuttgart gegenüber Essen bleiben undurchsichtig und man fragt sich nach der Sinnhaftigkeit.
Dazu einige Beispiele:
1. Ballsaal im Schloss Schönbrunn
In Stuttgart stehen die Erzherzogin Sophie und Herzog Max in Bayern nun wie in Wien allein vor einem Vorhang mit den Portraits des Brautpaares. Es erklingt Tanzmusik. Aber sie tanzen nicht mehr miteinander, wie in Essen. In Wien kann man aber durch geöffnete Türen die Hochzeitsgesellschaft beim Tanzen sehen.
Beim Auftritt des Todes in Essen lies er Elisabeth förmlich an ausgestreckter Hand tanzen. In Stuttgart fragt man sich, warum sich Elisabeth so komisch bewegt.
2. "Ich gehör nur mir". In Essen sang die Elisabeth das Lied barfuss, was ja auch Sinn machte, da sie direkt dem Bett entstiegen ist. Nun trägt sie, wie in Wien Stiefel???
In Wien gibt es nur quasi zwei Flügel auf denen sich Elisabeth von Links nach rechts bewegt. In Stuttgart gibt es nun eine große Scheibe und Callahan weiss nix damit anzufangen. Noch in Essen bewegt sich die Elisabeth mit Ihrem Umhang schwebend über die Fläche dreht sich und scheint daher noch mehr unbekümmert und fröhlich. Sie nutzt den Raum. In Stuttgart bleibt das Staging eindimensional.
3. Stationen einer Ehe: Der Tod zieht plötzlich einen Sarg samt totem Kind aus seinem Umhang hervor. Das sieht einfach plump aus. Der Sarg in der Kutsche im Hintergrund in Wien ist dagegen erschreckend bedrohliches Bild.
4. "Wenn ich tanzen will" In Stuttgart ist nichts mehr vom Tanz von Elisabeth mit dem Tod, wie in Essen zu sehen. Es lag eine ungeheure Spannung in der Luft. Eine Siegessicherheit und Freiheitskampf von Elisabeth. Sie spielt und flirtet mit dem Tod. Meine Lieblingsszene!
In Wien gibt es eine Kutsche an der sich Elisabeth vorbei schiebt und sich mit dem Tod im Wind wiegt?! Da es in Stuttgart die Kutsche nicht gibt geschieht das im Raum (schöne Idee, aber wozu?). Hier dirigiert er Elisabeth, wie ich es beim letzten Tanz erwartet hätte.
Schlimm finde ich, wie der Tod in Wien Elisabeth wie ein Schubkarre festhält und "steuert". Und genau diese Szene gibt es jetzt auch in Stuttgart.
Aber die vorhandenen Treppenstufen der Bühne werden in Stuttgart nicht genutzt. In Essen stoppte Elisabeth kurz, wenn sie vom Abgrund sang. Oder sie stand teilweise über dem Tod.
5. Irrenhaus. Aus meiner Sicht ist das wirklich die einzige Szene, die sich gegenüber Essen und Wien verbessert hat, da der Fräulein Windisch eine größere Bedeutung zufällt. Sie wird jetzt vom Ensemble auf einen Stuhl (Thron?!) gehoben und damit mit Elisabeth quasi auf eine Stufe gestellt. Schönes Bild!
6. Korfu. Elisabeth sitzt nun wie ein "Häufchen Elend" auf dem Boden vor der Bank und schreibt ihre Gedichte, statt auf der Bank zu sitzen. Warum?
7. Mayerling: Die Diagonale mit den Totentänzern verläuft nun diagonal von rechts vorne nach links hinten, statt wie in essen von links vorne nach rechts hinten.
8. Kapuzinergruft. Elisabeth betrauert nun Rudolf von hinter dem Sarg. Komisch finde ich, dass sie ihm immer auf die Füße schaut. Sie nähert sich dem Sarg auch vom Kopf her. Normalerweise würde man immer am Fußende des Sarges stehen und dem Toten ins Gesicht schauen. Selbst am Grab oder bei einem geschlossenen Sarg.
9. Elisabeth stirbt plötzlich rechts statt links, während der Tod mit der Feile heruntergefahren wird und in die entgegengesetzte Richtung schaut. Wohin???
Und so gibt es viele Beispiele. Manches was in Essen rechts stattfand, findet jetzt links statt und umgekehrt. Der Umhang des Todes ist jetzt wie das Jacket des Todes in Wien geschlossen und er trägt auch Handschuhe.
Somit hat die Regie bzw. das Musicalstaging zwar einiges verändert, aber der Sinn erschließt sich mir nicht.
Sonst gebe ich der Stuttgarter Elisabeth 5 Sterne.
Das größtenteils aus Scheveningen und Essen
übernomme Bühnenbild beeindruckt auch in Stuttgart, ebenso wie die schönen Kostüme von Yan Tax. Besonders das Sternenkleid im Bilderrahmen wirkt noch strahlender und funkelnder. Ein Höhepunkt!
Die Besetzung ist erstklassig. Mich haben besonders Maike Boerdam und Carsten Lepper sehr stark beindruckt. Sie kennen das Stück aus Essen und konnten auf ihre Erfahrung zurückgreifen. Gesanglich und im Schauspiel finde ich sie herausragend.
Maike meistert sowohl die junge als auch die alte Elisabeth, sowohl schauspielerisch als auch stimmlich. Eine absolute Idealbesetzung. Ihre Ähnlichkeit zur echten Elisabeth ist verblüffend. Das konnte man auf den Premierenbildern sehen, wenn sie neben einer Urenkelin von Elisabeth steht.
Carsten Lepper zeigt so viele Facetten der Rolle des Lucheni, dass ich sie garnicht alle aufzuzählen vermag. Besonders mag ich seine zynische und sarkastische Art.
Olegg Vynnyk sollte wohl das androgyne Rollenbild des Wiener Todes übergestreift werden, was aber überhaupt nicht zu seinem Typ passt. Seine Darstellung ist mir zu passiv und unausgereift. Ich hoffe er findet seinen eigenen Stil. Ich vermisse die Stärke und Selbstsicherheit auch in der Stimme, die er in Les Miserables gezeigt hat.
Sehr beeindruckend finde ich den Gesang und das Schauspiel von Nico Gaik. eine perfekte Besetzung für den Rudolf.
Die Geschichte und die Musik von Elisabeth packt mich immer noch. Auch in Stuttgart ist Gänsehautfeeling garantiert.

